Neueste Artikel

Wir schaffen das

Schaffen wir das? Wer schafft was? Oder schafft es uns?

2015. Die Fernsehbilder von Flüchtenden, die nahezu pausenlos in Nachrichten und Dokumentationen zu sehen sind, beunruhigen und beschäftigen mich sehr. So sehr, dass ich nicht mehr wirklich schreiben kann. Die Bilder, die Schicksale, lähmen mich. Meine Kreativität ist regelrecht verstopft. Gleichzeitig verstecke ich mich aber auch hinter meinem „Künstlerin-sein“. Ich bin Autorin, Künstlerin und keine anpackende, ehrenamtliche Helferin. Dafür habe ich keine Zeit. Ich muss meine Zeit für die Kunst freihalten. Außerdem ist das viel zu viel „echtes Leben“.

Vielleicht, also möglicherweise … eventuell … kann ich zu dem Thema etwas schreiben. Aus einer Beobachter-Position heraus. Kurzgeschichten oder ein Theaterstück über geflüchtete Menschen. Das ist auch wichtig. Das hilft auch. Ja, genau. Guter Plan.

November 2015. In der Schule meines Sohnes gründet eine sehr engagierte Mutter, selbst einst als unbegleitete, minderjährige Jugendliche aus dem Iran nach Deutschland gekommen, eine Arbeitsgemeinschaft. Patenschaften für minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge sollen vermittelt werden. Wir telefonieren. Ihre Geschichte wäre vielleicht ein Anfang. Ein Einstieg. Ihre Erlebnisse von damals könnte ich vielleicht mit Berichten aus der Gegenwart in einem Text verknüpfen.

Ob ich in der AG mitarbeiten will? Ich? Also … nun … ich kann ja Mails schreiben. Okay, das ist keine Sache. Na gut. Mache ich.

Januar 2016. Neben Mails schreibe ich Infozettel, telefoniere, treffe mich mit den anderen Müttern der AG und die AG, also wir, machen einen Infostand. Und dann höre ich: A. aus Afghanistan, 18 Jahre, sucht einen Jogging-Partner. Huch. Nun ja, mein Mann lief früher Marathon … vielleicht? Ja macht er. Und dann kann A. natürlich gerne nach dem Laufen mit uns Mittagessen und nächsten Sonntag zum Kaffee kommen. Natürlich. Gerne.

Februar 2016. A. kommt jetzt öfter zu uns. Ich schreibe über das Kindertheatertreffen Hamburg und A. kommt einfach mit zu einer Aufführung. Wir amüsieren uns gemeinsam.

März 2016. Seit 17 Jahren gibt es Hajusom in Hamburg, die Theatergruppe, die mit jugendlichen Flüchtlingen regelmäßig tolle Produktionen hervorbringt. Das interessiert mich als Theaterfrau. Vielleicht kann ich auch mit einer Gruppe jugendlicher Flüchtlinge Theater spielen? Ich besuche eine Probe der Hajusom-Nachwuchsgruppe. Als diese zu Ende geht, hilft mir ein junger Darsteller, F. aus Afghanistan, 18 Jahre, den verschlungenen Weg aus dem Bunker Feldstraße, in dem Hajusom probt, zu finden. Wir lachen über den Blödsinn, den wir dabei machen und kommen ins Gespräch. Es stellt sich heraus, dass A. und F. Freunde sind und beim nächsten Sonntagskaffee sind dann beide bei uns zu Besuch. Ach ja und in der Woche davor waren wir zu viert bei einem Konzert in einem Stadtteil-Kulturzentrum.

April 2016. Eine WhatsApp-Nachricht von F. erschüttert uns: Sein Asyl-Antrag wurde abgelehnt. Er soll freiwillig innerhalb von 30 Tagen nach Afghanistan ausreisen. Mein Mann und ich fahren zu seiner Wohnung und versuchen ihm beizustehen. Er, bzw. sein Anwalt, wird sofort Widerspruch einreichen. F. ist schon wieder etwas ruhiger, als er uns davon erzählt. Er hat wieder Hoffnung, nachdem er von dieser, wohl „normalen“ Asyl-Vorgehensweise erfuhr. Normal scheint zu sein: Erst zwei Jahre zu warten, dann wird der Asylantrag abgelehnt, dann wird sofort Widerspruch einlegen, um weiter zu warten. Warten, hoffen, verdrängen und weitermachen. Wir versuchen F. Zuversicht zu geben und ich schreibe für ihn und für seinen Anwalt einen Brief: „F. der Freund unserer Familie“.

Beim ihm zu Besuch ist ein weiterer jugendlicher Freund aus Afghanistan, der uns fragt: „Entschuldigung, ich würde gerne Ihre Lebenserfahrung nutzen. Wie findet man hier in Deutschland eine Ausbildung?“ Diese Frage war der Beginn einer weiteren Bekanntschaft mit einem jungen Afghanen, den wir jetzt begleiten.

Mai 2016. Ich habe endlich eine Form gefunden das Thema Flucht umzusetzen. Nicht schreibend, sondern bildnerisch konnte ich re-agieren: >gezeichnet – zu Fuß aus Afghanistan< entsteht (s.o.). Schreiben geht immer noch nicht.

Plötzlich gibt es unzählige Fragen „meiner“ Jungs, deren Antworten viel Zeit beanspruchen: Wie findet ein jugendlicher Flüchtling mit einer Art Hauptschulabschluss eine Ausbildung? Was gibt es überhaupt für Berufe mit diesem Schulabschluss? Kann ein Flüchtling, über 18, weiter zur Schule gehen und einen Realschulabschluss machen? Viele Fragen. Sehr viele. Und auf jede Frage gibt es viele Antworten. Ein Antworten-Bingo. Wie soll das jemand durchschauen, der Deutsch nicht als Muttersprache spricht? Selbst ich als Deutsche, verstehe so Vieles nicht. Und die sogenannten „Zuständigen“ widersprechen sich in ihren Aussagen permanent. Hilfe.

Juli 2016. Ich schreibe wieder… neben einem tauglichen Lebenslauf, Bewerbungen für Praktika mit einem „meiner“ Jungs zusammen. Und ein neues Theaterstück, in das sich – seltsamerweise – das Thema Flucht eingeschlichen hat…

Text und Kunstwerk: Tilla Lingenberg // Foto: Brigitte Markuse

Auf fremden Pfaden

Malin hat ein ähnliches Ziel wie wir bei myvoice-project: Sie möchte eine Öffentlichkeit für Geflüchtete schaffen. Deshalb führt sie einen Blog, auf dem sie Geschichten von Flucht und Vertreibung erzählt. Sie sagt:

auffremdenpfaden – Ein Blog für mehr Akzeptanz ist ein Blog, der sich mit den Lebens- und Fluchtgeschichten Geflüchteter auseinandersetzt. Er dient ihnen als Plattform, damit sie ihre ganz persönlichen Geschichten erzählen können. Euch erwarten Erzählungen und Berichte über das Leben in ihren Heimatländern, die dortige politische Lage, Flucht, Gefangenschaft, Folter, der Angst, alles zu verlieren und der Hoffnung, dem ganzen Wahnsinn zu entkommen und an einem friedlichen Ort ein ganz normales Leben führen zu können. Ziel dieses Projektes ist es, mehr über die Geflüchteten zu erfahren, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und so viele Menschen wie möglich an diesem Dialog teilhaben zu lassen. Es gibt zahlreiche Leute, die Vorurteile gegen Flüchtlinge haben, andere haben Angst und sehen Flüchtlinge nur als eine große Masse, von der Europa überrannt wird. Daher möchte ich Geflüchteten eine Stimme geben und somit darauf aufmerksam machen, dass auch sie Menschen wie du und ich sind, von denen jeder seine eigene Geschichte zu erzählen hat.“

Malin veröffentlichte zum Beispiel die Geschichte von Alaa, einem Künstler aus Syrien:

Alaa Aldin Alhassoun ist Künstler, 31 Jahre alt und kommt aus Aleppo, Syrien.
Am Fathi Mhd Institut für Kunst studierte er Skulptur und Zeichnen und machte anschließend seinen Abschluss an der Universität in Damaskus in Kunstwissenschaften mit dem Schwerpunkt Zeichnen. Dank eines Stipendiums, welches er von der syrischen Regierung bekam, hatte er Ende 2011 die Möglichkeit, ein Studium mit dem Schwerpunkt Kunstkritik an der Kunstakademie in Kairo zu beginnen. Weiterlesen

Wir finden, ein Besuch des Blogs lohnt sich, weil der unverfälschte Einblicke in Flucht und Fluchtursachen gibt. Die Texte sind lang, doch nur so werden sie den Lebensgeschichten und ihren verschlungenen Wegen gerecht. Schön, dass jemand sich dieser Geschichten annimmt!

Text: Malin Günther // Bild: Alaa

Wie wir sein können

Ich sitze am Küchentisch und nippe an meinem Getränk. Ich weiß, dass es kommen wird. Es ist unvermeidlich – das Stammtischgespräch. Sie halten das Glas mit Senf in der Hand und klatschen eine Portion auf den Teller, auf dem Buchstabennudeln das Wort „Flüchtlingskrise“ bilden. Sie haben keine Ahnung, keinen Verstand, kein Herz oder zuviel davon, keine humanistische Bildung genossen oder sie nicht als Genuss empfunden, die Fähigkeit zur Empathie fehlt ihnen oder sie gilt nur für Auserwählte, insbesondere für sie selbst. Aber eine Meinung, die haben sie. Und Macht, hier am Küchentisch haben sie die Diskursmacht, das Senfglas fest in der Hand. Sie rezitieren, was sie irgendwann irgendwo aufgeschnappt haben, würzen das Gesagte mit Vorurteilen und strafen meine Einwürfe mit Kopfschütteln und erzürnten Blicken. Es gebe keine rassistisch motivierten Gewalttaten, sagen diese Blicke. Es gibt keinen Hass – und in uns schon gar nicht.

Man kann das: Wegsehen. Wegfühlen. Man kann ignorieren, Desinteresse zeigen. So tun, als wäre da nichts. Klein reden. Einfach weiterleben wie bisher, unberührt und uninformiert. Da ist kein Krieg, kein Terror, keine Politik, keine Menschen, keine Schicksale, keine Begegnungen, keine Willkommenskultur, kein Rassismus.

Man kann: Angst haben, sich fürchten, nicht verstehen, sich angegriffen und bedroht fühlen. Sich seines Platzes nicht mehr sicher sein. Vorurteilen glauben, Etiketten aufkleben. Sich immer tiefer in den Hass hineinschrauben, den wir latent oder offen äußern und zeigen.

Wir können vergessen – oder gar nicht erst gelernt haben – was es bedeutet Mensch zu sein. Vielleicht haben wir nie Nathan der Weise oder ähnliches gelesen, vielleicht wurde uns alles genommen, vielleicht hatten wir es selbst nie gut, mussten sehen, wie wir klar kommen, mussten entbehren und entsagen und vielleicht mussten wir uns immer nur abrackern. Damit wir es besser haben, damit wir die Wunden, die uns in der Kindheit zugefügt wurden hinter unseren Gartenzäunen verstecken können, als würde das was bringen.

Vielleicht merken wir nicht, dass wir gar nicht so verschieden sind. Vielleicht empfinden wir Neid. Vielleicht sehen wir uns gespiegelt. Vielleicht fürchten wir in dieselbe Situation zu kommen. Vielleicht müssen wir verteidigen, was wir uns aufgebaut haben.

Wir können den Zugang zur Herberge verwehren, auch wenn wir Weihnachten fromm im Gottesdienst sitzen, auch wenn wir jeden Sonntag vorm Altar hocken und nicken und singen und beten und das Vaterunser, das können wir im Schlaf aufsagen. Wir können die Welt einteilen in Wir und die Anderen. Wir sind richtig, die Anderen sind falsch. Wir können das und wir tun es.

Wir können auf die andere Straßenseite deuten und sagen: Schon wieder so ein Flüchtling. Und wir können Unverständnis und Hass in unsere Worte legen. Wir können die Nase rümpfen und uns ekeln. Aber wovor, das wissen wir nicht, das wollen wir nicht wissen, sind es doch unsere eigenen Gefühle, unsere eigenen Bewertungen, und damit wollen wir uns nicht auseinandersetzen.

Man kann auch: So tun, als gebe es für uns nur das Wir. Da sind keine Anderen, keine Fremden. Da sind Menschen, denen wir begegnen, die wir kennenlernen, die wir sehen, denen wir zuhören, die wir unterstützen und denen wir helfen. Wir merken nicht, dass auch wir eine Grenze ziehen.

Wir sind offen und herzlich, interessiert und neugierig, gewillt und motiviert. Wir lernen mit- und voneinander. Wir verschließen die Augen nicht, wir schauen hin und packen an und dann packt uns der Burnout, weil wir keinen Ausgleich schaffen. Weil wir alles zu nah an uns heran lassen. Weil wir alles sehen, alles hören, all die Freude und das Leid, all die Liebe und den Hass, all die Dankbarkeit und die Ignoranz. Weil wir schließlich zu der Einsicht gelangen, dass auch wir bewerten.

Wir können es Alltag werden lassen, obwohl wir uns für diesen Gedanken schämen. Es ist nicht alltäglich, wenn Menschen auf der Flucht sind, sagen wir uns. Es ist nicht alltäglich, wenn Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Aber wenn wir es Alltag werden lassen, denken wir, wenn wir es Normalität werden lassen, dann schaffen wir einen Kosmos, in dem ein zweites Zuhause entstehen kann.

Wir dürfen, wir wollen nicht vergessen zuzuhören, ermahnen wir uns. Jede einzelne Geschichte wollen wir hören, wir wollen sie aufnehmen und in unserem Herzen bewahren. Geschichten von dort, Geschichten von hier und Geschichten von unterwegs. Wir wollen, dass Menschen ankommen. Nicht nur physisch. Wir wollen nicht wegsehen, wir wollen nicht weghören. Wir wollen verstehen und verändern. Wir wollen uns selbst hinterfragen und andere überzeugen, wir wollen Überzeugungstäter und Vorbilder sein. Wir wollen vor allem eins: Mensch sein.

Ich sitze am Küchentisch und denke: Wir sind alle Menschen und wir sind so verschieden. Wir sind wütend, einsam, traurig, neidisch, ängstlich, liebevoll, dankbar, offen, herzlich. Wir kommen nicht klar mit uns und der Welt und wir entwickeln Strategien, die es uns leichter machen, unsere Unsicherheit zu ertragen. Wir bauen uns Gedankengebäude und bewerten die Welt um uns herum. Wir zeigen Gleichgültigkeit, Abneigung oder Zuneigung.

Das alles sind menschliche Verhaltensweisen. Wie wir mit den Dingen umgehen, die um uns geschehen, hängt von so vielen Faktoren ab. Davon, was wir gelernt haben.

Davon, wie wir uns und andere bewerten.

Text und Foto: Juliane Luttmann

(Juliane ist Bloggerin ohne Fluchterfahrung, beobachtet gerne Menschen und ihre Verhaltensweisen und schreibt über Gefühle auf einfach nur sein.)

Wo kommt die deutsche Angst vor Ausländern her?

Wo_kommt_die_deutsche_Angst_vor_Ausländern_her
Die wahre Hürde für die Integration von Migrant*innen in Deutschland

Die deutsche Kultur wird in den Augen jedes Ausländers, der aus bestimmten Gründen oder mit bestimmten Zielen in Deutschland lebt, als „reserviert“ bezeichnet. Die Angst der Deutschen vor dem Ausländischen zeigt sich immer, wenn diese auf Ausländer treffen. Es entstehen seltsame Situationen, die für beide Seiten schwer zu bewältigen sind. Das hat Auswirkungen auf die Einstellung, das Handeln und das soziale Leben der Menschen.

Normalerweise haben die Menschen Angst von Veränderungen und neuen Dingen und haben Angst vor der Definition ihrer Person in einer anderen Kultur. Nichtsdestotrotz ist bekannt, dass Angst entsteht, wenn jemand sich in einer unbehaglichen Umgebung, Kultur oder Situation befindet. Hier eine Frage: Wer ist in einer unbehaglichen Umgebung – die deutschen Bürger*innen oder die Ausländer*innen? Müssen sich Bürger*innen Sorgen über Ausländer*innen machen, wenn sie in ihrem eigenen Land sind, in dem für sie alles bekannt ist?

In meinem Land fürchten sich die Ausländer*innen vor den lokalen Bürger*innen – im Gegenteil zu Deutschland. Der Grund dafür ist, dass diese Ausländer*innen sich häufig, selbst ohne größere Probleme zu haben, unwohl in der neuen Umgebung und Kultur fühlen. Ihre Angst ergibt also irgendwie Sinn.

Ich wandte mich an zwei Studierende an der Leuphana Universität in Lüneburg und stellte ihnen diese Frage. Sie antworteten: „Von unserer Kindheit an wurde uns beigebracht, auf uns aufzupassen und zum Beispiel ein halbvolles Getränk nicht offen in einem Restaurant oder einem Club stehen zu lassen. Außerdem sagten uns unsere Eltern, dass wir uns vor Fremden in Acht nehmen sollen“.

Dieser Begriff „Fremder“ wird definiert als eine Person, die einen bestimmten Ort oder eine bestimmte Gemeinschaft nicht kennt oder dort nicht bekannt ist. Ausgehend von dieser Definition sind Ausländer*innen in gewisser Hinsicht Fremde. Die reservierte Kultur, die Angst vor Fremden in deutschen Gemeinschaften und der schlechte Ruf, der durch die negative Mediatisierung der „Flüchtlingskrise“ entstanden ist, sind die wichtigsten Faktoren in diesem Paradox.

Diese Angst ist vor allem bei Älteren und Erwachsenen verbreitet. Die Angst verleitet sie dazu, sich rassistisch zu verhalten, selbst wenn es unbewusst passiert. Aber es gibt andere, die diese Angst benutzen, um Ausländer*innen und vor allem People of Colour absichtlich zu diskriminieren. Die Angst ist unter jungen Leuten weniger verbreitet, da Deutschland eine offene Gesellschaft geworden ist, nachdem es der Europäischen Union beigetreten ist. 2005 verabschiedete die deutsche Regierung ein Migrationsgesetz im Gegensatz zur Rücksende-Politik, die seit dem Ende des zweiten Weltkriegs angewandt wurde und die Realität von Migration und Integration untergraben hat.

Der Bericht der UN-Menschenrechtskommission aus dem Jahr 2015 zeigt, dass Rassismus in Deutschland im Bildungs-, Arbeits- und Wohnungssystem immer noch stark vertreten ist. Die UN-Kommissare für Menschenrechte empfahlen den deutschen Politikern, Regelungen zu treffen, die diesen Rassismus und die Diskriminierung reduzieren sollen. Wird es einfach für die Politiker sein, ein System zu etablieren, dass diese Angst, diesen Rassismus und die Diskriminierung verringert?

Naja, die Integration ist noch ein weiter Weg. Die Art und Weise, wie die Kultur einen Ausländer*innen oder Fremden definiert, muss sich ändern. In der globalisierten Welt brauchen wir eine Gesellschaft, die ihre Normen und Tabus öffnen kann, um die Multikulturalität anzunehmen und die Welt verbundener zu machen. Die USA sind ein Beispiel, wo dies der Schlüssel zum Erfolg und zur Macht in der Welt war.

Terrorismus, IS und andere kriminelle Banden rund um die Welt machen Migration und Integration schwer für Ausländer*innen. Diese kriminellen Banden formen die Einstellungen in Bezug auf die Angst und Unbehaglichkeit des menschlichen Wesens. Wir müssen die Angst überwinden, um uns auf eine harmonische Gesellschaft zuzubewegen.

Ändere deine Perspektive, wenn du Ausländer*innen oder Fremde triffst! Sie als Aggressoren zu sehen wird niemals Probleme lösen, sondern nur die Situation für beide Seiten verschlechtern. Rassismus und soziale Diskriminierung schaden der gesellschaftlichen Entwicklung und der Harmonisierung und sollten deshalb mit allen Mitteln bekämpft werden.

Text: Jean Ngendahimana // Foto: Mohammed

(Jean ist Journalist und Menschenrechtsaktivist. Er studiert momentan digitale Medien und Medienmanagement an der Hamburg Media School.)

Orientierung, aber auch Integration?

Wie deutsche Hochschulen auf Geflüchtete reagieren (und die Akademiker*innen selbst aktiv werden).

Viele Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind, mussten ihr Studium aufgeben und ihre Ausbildung unterbrechen. Hier angekommen scheinen erst einmal alle Türen verschlossen. Die Hochschulen haben je nach Studiengang mehr oder weniger strenge Aufnahmekriterien, die häufig schon für Deutsche schwer zu erfüllen sind. Für die Zugewanderten kommt die Sprachhürde hinzu. An den meisten Hochschulen wird ein Sprachniveau verlangt, das dem von Muttersprachlern nahe kommt. Wer akademisch lernen möchte, muss auf deutsch wissenschaftlich lesen, schreiben und argumentieren können. Englischsprachige Bachelor-Studiengänge finden sich an den großen Universitäten bisher kaum (an der Universität Hamburg zum Beispiel kein einziger). So bleibt nur, Deutsch zu pauken, bis das erforderliche Niveau erreicht ist. Weitere Schwierigkeiten wie die Feststellung der bisherigen Studienleistungen und deren Gleichwertigkeitsprüfung oder die Finanzierung des Studiums kommen hinzu.

Asylbeweber*innen und anerkannte Flüchtlinge sind keinesfalls grundsätzlich von der Bewerbung um einen Studienplatz ausgenommen: Das Studium an einer Hochschule ist unabhängig vom Aufenthaltstitel. Wer kein deutscher oder EU-Staatsbürger ist, bewirbt sich gemeinsam mit anderen internationalen Studieninteressierten um die per Quote festgelegten Plätze.

Die Hochschulen haben erkannt, dass sie eine Schlüsselrolle für die Integration geflüchteter Menschen spielen. 72 Prozent der Hochschulen haben laut einer Umfrage des Stifterverbandes Angebote für geflüchtete Studieninteressierte geschaffen. Meist geht es dabei um die Orientierung an der Hochschule durch Beratungsangebote, den Kontakt zu Kommiliton*innen oder die sprachliche Qualifizierung. An der Universität Hamburg wurde beispielsweise das Programm #uhhhilft ins Leben gerufen, das den geflüchteten Studieninteressierten das Ankommen an der Universität durch Deutschkurse, Gasthörerschaften, Campusführungen oder Informationsveranstaltungen erleichtern soll. Unser Autor Ahmad nimmt am Programm teil. Er sagt darüber:

„Dieses Programm war für mich der effektivste Weg, um zu erfahren, wie ich hier leben soll und um die deutsche Gesellschaft kennenzulernen. Erstens erlaubt mir das Programm, mit der Universität in Kontakt zu kommen und einige Grundideen zum deutschen Bildungssystem zu erfahren. Zweitens hatte ich die Möglichkeit, Deutschkurse zu besuchen, unabhängig von meinem Status als Asylbewerber. Das hilft mir, weil es eine Weile dauert, bis man die regulären Papiere für einen Deutschkurs bekommt. Drittens treffe ich viele nette Leute in diesem Programm. Das ist wichtig für mich, weil sie mich auf bestimmte Art und Weise motivieren, schneller zu lernen. Und klar, wenn ich neue nette Leute treffe, denke ich nicht so sehr darüber nach, wie mich viele Leute abstempeln – wie auch immer dieser Stempel aussehen mag.“

#uhhilft umfasst unter anderem ein „Buddy-Programm“, in dem sich jeweils ein*e Geflüchtete*r und ein*e Studierende*r der Universität Hamburg näher kennenlernen können. Der NDR berichtet in einem Radiobeitrag über Ahmad und seinen „Buddy“ Jutta.

Zu fragen bleibt, ob die Hochschulen bereit sind, ihre Anforderungen an die Zielgruppe der Geflüchteten anzupassen oder ob sich die Bemühungen darauf beschränken, die angehenden Akademiker*innen auf den Bewerbungsprozess vorzubereiten. Diese Vorbereitungsphase kann Jahre dauern. Ernst gemeinte Veränderungsprozesse müssten auch strukturelle Maßnahmen umfassen. Man könnte sogar einen Schritt weiter gehen und die aktuelle Situation zum Anlass nehmen, um manche Prozesse und Zustände an deutschen Hochschulen grundlegend zu überdenken: Sind die Bewerbungsprozesse nicht ohnehin komplexer als nötig? Sind die BAföG-Regelungen fair? Und bräuchte es nicht sowieso mehr englischsprachige Studiengänge, die deutschen wie internationalen Studierenden gleichermaßen zugutekommen würden?

Die traditionellen Hochschulen haben sich an diese Fragen noch nicht herangewagt, andere Initiativen sind ihnen hier weit voraus. An der Berliner Kiron University können Geflüchtete ohne Zugangsschranken in einem Online-Modell studieren. Am wichtigsten jedoch: Initiativen, in denen sich geflüchtete Akademiker*innen zusammenschließen, um voneinander zu lernen, ihr Wissen zu teilen und es nach außen zu tragen. Die Silent University hat zum Ziel, durch Vorträge, Performances und schriftliche Beiträge aus der Passivität herauszutreten, in die Asylbewerber*innen gedrängt werden und zu vermeiden, dass ihr Wissen und ihre Fähigkeiten ungesehen bleiben oder gar verloren gehen.

Text: Anna // Kommentar: Ahmad // Radiobeitrag: Daniela (NDR)

In Vergessenheit geraten

Mohannad Kassab ist ein syrischer Fotokünstler. Seine Arbeiten sind surreal und machen gleichzeitig die Realität greifbar. Kürzlich fand seine erste Ausstellung in Hamburg auf der Cap San Diego statt.

Sein neues Werk gilt den Geflüchteten, die nicht mehr die Möglichkeit haben, unter uns zu sein.

Sie wurden für das nächste Leben auf ihre letzte Reise geschickt und werden jetzt in Frieden ruhen.

©Mohannad Kassab

©Mohannad Kassab

Titel: In Vergessenheit geraten

Beschreibung: Wenn die Welt die Türen schließt, sind die Türen des Himmels immer geöffnet.

Du möchtest die passende Musik zu diesem Bild hören? Mohannad wurde von diesem Lied inspiriert: https://soundcloud.com/clemensruh/broken

Wir haben bereits mehr von Mohannads fantastischen Arbeiten veröffentlicht. Wenn du noch weitere Bilder sehen willst, besuche seine Facebook Seite.

Meinungsfreiheit – ein Kommentar

Jean Ngendahimana ist Journalist und Menschenrechtsaktivist aus Ruanda. Momemtan studiert er digitale Medien an der Hamburg Media School. Für myvoice-project kommentiert er die Meinungsfreiheit.

Böhmermann und die Meinungsfreiheit: Deutschland sollte nach vorne treten und diktatorische Regimes von der Bedeutung dieser Freiheit für die sozio-ökonomische Entwicklung der Bürger überzeugen.

Die Meinungsfreiheit bedeutet das Recht zu sprechen ohne Zensur oder Einschränkung durch die Regierung. Die Meinungsfreiheit wird in verschiedenen Ländern durch einen Artikel in der Verfassung (in den USA z.B. durch das „First Amendment to the Constitution“, in Deutschland dem Artikel 5 des Grundgesetzes; Anm. d. Red.) geschützt.

Ohne diese garantierte Freiheit blieben unpopuläre Meinungen aus Angst vor Strafe versteckt. Veränderung und Fortschritt kämen zu einem plötzlichen Halt und all die anderen Freiheiten, die in der Verfassung aufgezählt werden und all die folgenden Gesetzesartikel zerfielen und positive Propaganda bekäme die gesamte Aufmerksamkeit.

Man kann einer Person alles geben, was sie will, aber wenn man ihr nicht die Freiheit gibt, auszudrücken, was sie fühlt oder denkt, war alle Arbeit umsonst.

Wenn die Meinungsfreiheit in Frage steht, zum Beispiel beim deutschen TV-Moderator Böhmermann und dem türkischen Präsidenten, sollte das Problem meiner Meinung nach im gegenseitigen Einverständnis zwischen den beiden Parteien geklärt werden. Das ist keine Sache der Regierung oder des Staates, sondern des Zivilrechts.

Das bedeutet, dass Böhmermann nicht vor Gericht gestellt würde, sondern die Chance bekäme, das Problem mit dem türkischen Präsidenten Erdogan zu lösen. Wenn er überzeugt werden kann, dass sein Gedicht über den Präsidenten falsch war, kann er eine Entschuldigung verfassen, die in denselben Medien veröffentlicht wird wie das Gedicht.

Die Menschen sollten weiter kritisieren und das akzeptieren, was sie als negative Meinungen, Kommentare oder Ideen bewerten und den Mut haben, zu fragen, warum. Ansonsten sind nur die mächtigen Menschen in der Lage, sich zu äußern.

Als jemand, der ein Opfer davon war, diese Freiheit nicht zu haben, verstehe ich, dass dort, wo diese Freiheit fehlt, Unterdrückung, Diktatur und Korruption in hohem Ausmaß herrschen, genauso wie Ungerechtigkeit und meistens Menschenrechtsverletzungen gegenüber den ursprünglichen Bürgern.

Das ist die Freiheit, vor der sich viele diktatorische Regime auf der ganzen Welt fürchten, weil es der einzige Weg ist, durch den die Bürger von der Führungsriege Rechenschaft, Transparenz und Rechtsstaatlichkeit einfordern. In entwickelten Ländern wie Deutschland, wo diese Freiheit garantiert wird, sollte die Regierung nach vorne treten, um andere Länder, vor allem in Afrika und Asien von der Wichtigkeit dieser Freiheit und ihrer Verbindung zur sozio-ökonomischen Entwicklung ihrer Bürger überzeugen.

Es ist wahr, dass dort, wo diese Freiheit nicht garantiert und respektiert wird, Entwicklung ein Traum bleiben wird. Die Geschichte hat dies gezeigt.

Text: Jean Ngendahimana (Email: j.ngendahimana@hamburgmediaschool.com)

Vom Neuanfang in Deutschland

Mein Beginn und meine Zukunft in Deutschland

Ich würde eigentlich sagen, dass Deutschland das Land der Träume ist, sofern man motiviert und aktiv ist.

Wieso ist Deutschland das Land der Träume?

Wenn man beispielsweise keine Ausbildung oder keinen Beruf hat, dann kann man mit einer finanziellen Hilfe vom Jobcenter oder der Agentur für Arbeit seine Lebensverhältnisse verbessern. Ja, vielleicht sagen manche Leute, dass man zwar eine Hilfe vom Staat bekommt, aber dafür auch viele Steuer bezahlt. Meine Meinung ist aber, dass diese Gesetze sehr hilfreich und rechtmäßig sind. Und sie sind sehr ähnlich wie es meine Religion, der Islam, vorschreibt.

In Syrien ist die Realität ganz anders, denn der Präsident und seine Familie stehlen die ganzen Steuern. Also, für mich war der Anfang [in Deutschland; Anm. d. Red.] ein bisschen anders als für andere Leute: Ich bin mit einem Visum nach Deutschland gekommen, weil mein Onkel seit 20 Jahren in Hamburg wohnt. Diese Bedingungen helfen mir sehr z.B. weil man sich von Anfang an bei staatlichen Behörden anmelden kann. Man weiß wie das Leben hier abläuft und wie man mit den Deutschen umgeht. Obwohl ich diese guten Bedingungen vorgefunden habe, finde ich das Leben, die Kultur und die staatlichen Verfahren in Deutschland sehr schwierig zu verstehen. Wahrscheinlich spielt dabei die Sprache – die wirklich sehr kompliziert ist – eine große Rolle.

Das erste große Problem für mich war es eine Unterkunft zu finden, in der ich schlafen konnte, in der ich mich in Ruhe hinsetzen und lernen konnte. Ich habe mich zwar bei meinem Onkel gemeldet, aber dort konnte ich nicht wohnen. Denn er hat eine große Familie – drei Kinder und eine behinderte Frau – aber nur eine kleine Wohnung. Die Katastrophe war, dass das Jobcenter immer gesagt hat, dass ich bei meinem Onkel wohnen muss. Sie haben gesagt: Nur wenn ich eine kleine Wohnung finde, dann kann das Jobcenter die Miete bezahlen. In Hamburg ist es aber sehr schwierig, eine freie Wohnung zu finden. Deswegen musste ich einen Platz finden, an dem ich wenigstens schlafen konnte. Gott sei Dank, ich habe einen kleinen Raum mit einigen anderen Person zum Teilen gefunden, aber leider musste ich die Miete dort schwarz bezahlen. Deshalb musste ich die Miete selber bezahlen. Ich habe jeden Monat 400 Euro von Jobcenter bekommen und ich musste dieses Geld jeden Monat zwischen Miete und Lebensmitteln aufteilen. Das war wirklich anstrengend aber Gott sei Dank: Ich rauche nicht, trinke keinen Alkohol …ich bin also ein sparsamer Mann.

Diese Situation blieb für etwas vier Monate so, bis ich eine Wohnung gefunden habe. Ich bin aber auch noch verheiratet. Das andere Problem war also, dass ich meine Frau so schnell wie möglich nach Deutschland holen musste. Denn sie hat immer noch in Aleppo im Krieg gewohnt. Aber die Ausländerbehörde hat unsere Familienzusammenführung nicht genehmigt. Mir wurde gesagt, dass ich erst arbeiten muss und dann kann ich meine Frau nachholen. Aber leider dauert es sehr lange bis man als Arzt in Deutschland arbeiten kann…. Meine Frau ist deshalb auf eigene Faust hergekommen: Über das Meer, die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich ist sie nach Deutschland gekommen. Das war selbstverständlich sehr anstrengend für meine Frau und mich. Ich hatte große Angst um sie. Gerade als sie angekommen ist, habe ich zum Glück eine Wohnung gefunden. Gott sei Dank.

Das ist die Kurzversion meines Beginns in Deutschland. Ich möchte aber auch über meine Pläne und Ziele schreiben.

Seit dem ersten Tag in Deutschland lerne ich auf eigene Faust die deutsche Sprache. Ich weiß, dass die Sprache der Schlüssel zum Leben hier ist. Wenn man hier erfolgreich sein will, muss man unbedingt die Sprache beherrschen. Ich lerne auf eigene Faust, weil ich so schnell wie möglich meine Weiterbildung in der Chirurgie weitermachen möchte. Würde ich auf das Jobcenter warten, würde jede Niveaustufe vielleicht vier Monate dauern. Dann bräuchte man ungefähr drei Jahre, nur um deutsch zu lernen. Das ist leider das bürokratische Phänomen in Deutschland und man muss sich täglich daran gewöhnen. Seit einem Jahr bin ich in Hamburg und seit dem ersten Tag lerne ich deutsch. Trotzdem habe ich immer noch Schwierigkeiten mit der Sprache. Mein Ziel ist es den Facharzt in orthopädischer Chirurgie zu schaffen. Das kostet mich viel Zeit meines Lebens, aber ich habe mich entschieden, dass ich diesen Preis bezahlen werde.

Mein Motto ist: Man sollte sich keine Sorge machen und alles kommt langsam mit der Zeit.

Unser Autor lebt heute mit seiner Frau in einer eigenen Wohnung in Hamburg. Er möchte anonym bleiben.

Hamburg durch Hussams Augen

Unser Redaktionsmitglied Hussam lebt seit 11 Monaten in Hamburg. Er kommt aus Syrien und möchte hier sein Medizinstudium beenden. Für myvoice-project hat er sich seine Kamera geschnappt und ist an seine Lieblingsplätze gefahren. Hier einige Impressionen von Hussams Hamburg!

Ganz ähnlich machen es weitere Autoren im ZEIT Magazin. So sehen Zuwanderer Deutschland und die Deutschen.

Eine Reise nach Deutschland

Das Wetter ist sehr kalt. Nach einem kurzen Moment ist es regnerisch mit viel Gewitter. Es ist 23:30 Uhr. Ich bin verängstigt. Wo kann ich schlafen?

Ich habe keine Jacke und keine Handschuhe. Ich trage nur eine Hose und ein T- Shirt. Ich bin an der Grenze zwischen Österreich und Deutschland. Mir ist sehr kalt und habe Hunger. Seit 24 Stunden habe ich nichts gegessen. Aber das ist nicht wichtig. Ich bin noch stark. Ich suche einen Platz zum Schlafen. Es gibt eine lange Straße. Ich gehe zwei Stunden langsam, denn bin ich müde und schläfrig. Ich sehe ein großes Gebäude. Das ist der Bahnhof. Wo kann man im Bahnhof schlafen: auf den Sitzplätzen oder in einer Ecke? Ich schlafe nur drei Stunden. Weiterlesen