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Teil 15: Ankommen

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Berlin. Deutschland. Als ich in der Wohnung meines Bruders nach dem Abend unseres Wiedersehens aufwache, bin ich mir sicher. Ich werde nach Hamburg fahren und mich dort melden, meinen Asylantrag stellen. Am Abend nehme ich einen Bus nach Hamburg. Ich komme am Busbahnhof an und suche erst mal nach einer Polizeistation. Ich laufe den Steindamm entlang. Es ist viel los hier auf der Straße. Nach einer halben Stunde finde ich eine Polizeistation. Die Polizisten sind sehr nett und ich kann mit ihnen auf Englisch sprechen. Ich muss meinen Pass vorzeigen und es wird ein Foto von mir gemacht. Dann telefoniert der Polizist. Am Ende gab er mir Papiere mit der Adresse einer Erstaufnahmeeinrichtung in Harburg und sagte, ich sollte mich in den nächsten 24 Stunden dort melden. Ich fahre dorthin und gehe schlafen.

Am nächsten Morgen werde ich zu meiner Flucht befragt und dann einer Unterkunft in Wilhelmsburg zugeteilt. Es ist Dezember. Dort bleibe ich die nächsten acht Monate.

Ich bin mit drei anderen Personen in einem kleinen Raum. Es gibt für jeden einen kleinen Schrank und ein Bett. In der Kantine gibt es drei Mal pro Tag etwas zu essen. Wir kriegen ein Taschengeld von 133 Euro pro Monat. Ich spreche nur Englisch. Nach ein paar Monaten schließe ich einen Pakt mit mir selbst. Ich werde nur noch Deutsch reden. Kein Wort Englisch. Wenn ich ein Wort nicht kenne, versuche ich es mir zu merken, mir vorzustellen, wie man es schreibt und dann gucke ich später im Internet nach, was es bedeutet.

Ende Dezember kann ich mit einem kleinen Deutschkurs beginnen, der von Ehrenamtlichen in Wilhelmsburg organisiert wird. Außerdem hole ich mir eine Karte für die Zentralbibliothek, wo das Programm „Dialog in Deutsch“ angeboten wird.

Im Januar habe ich mein erstes Gespräch beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Bald erhalte ich eine Aufenthaltsgestattung für drei Monate.

Im April erhalte ich an einem Freitagabend meinen Ablehnungsbescheid mit Androhung zur Abschiebung nach Ungarn. Die Begründung lautet, dass ich meinen Fingerabdruck in Ungarn abgegeben habe und Ungarn daher für mich zuständig sei. Ich hätte zwei Wochen Zeit, um dagegen zu klagen. Ich suche verzweifelt nach einem Anwalt. Schließlich finde ich einen und mein Bruder hilft mir. Wir erzählen ihm meine ganze Geschichte und betonen dabei vor allem, wie schlecht ich in Ungarn im Gefängnis behandelt worden war. Wir klagen. Ich warte ein ganzes Jahr auf eine Entscheidung.

Im Juli muss ich in die Unterkunft in Bergedorf wechseln. Dort bleibe ich die nächsten sieben Monate.

Im August darf ich endlich mit dem offiziellen Integrationskurs beginnen, den ich später mit B1-2 abschließe.

Im Februar des nächsten Jahres ziehe ich um in die Flüchtlingsunterkunft Grüner Deich im Stadtteil Hammerbrook.

Bei den Tandem-Treffen des Projekts Insel Hilft e.V. in Wilhelmsburg habe ich in den vergangenen Monaten viele Leute kennengelernt. Man macht mich mit der Uni bekannt, ich beginne über meine Zukunft in Hamburg nachzudenken. In einem Kulturzentrum werden Treffen für Menschen verschiedener Nationalitäten veranstaltet. Dort lerne ich eine Hamburgerin kennen, die in der Künstlerszene aktiv ist und ein großes Netzwerk hat. Sie schickt eine Rundmail an 400 Leute in Hamburg, in der sie von mir erzählt und dass ich eine Familie suche, bei der ich leben kann, bis ich mit einem Studium oder einem Job beginnen kann.

Ich treffe mich mit zwei verschiedenen Familien, die mich kennenlernen wollen. Die eine Familie gefällt mir sehr gut und ich entscheide mich dafür, mit ihnen zusammen zu leben.

Im März wird mir endlich Asyl für die nächsten drei Jahre zugesichert. Ich ziehe bei der Hamburger Familie ein.

Im Oktober bietet uns Insel Hilft e.V. an, mit Studierenden der Uni Hamburg zusammen an einer Schreibwerkstatt teilzunehmen. Von Oktober bis Januar treffe ich mich immer wieder mit meiner Schreibpartnerin und erzähle ihr von meiner Geschichte. Der Geschichte, die ihr hier gelesen habt.

Bild von amdolu via Flickr unter CC BY-NC 2.0 Lizenz: https://www.flickr.com/photos/23267638@N06/23587330314

Teil 14: Wiedersehen

München, Deutschland. Am Bahnhof in München sind sehr viele Polizisten. Die Sonne scheint. Schnell setzen wir uns in ein Café. Wir schaffen es, unbemerkt zu bleiben.

Ich freue mich, endlich in Deutschland zu sein. Doch ich möchte nicht in München bleiben. Nicht in Süddeutschland bleiben. Ich möchte näher zu meinen Brüdern und außerdem habe ich gehört, dass die Asylanträge im Süden länger dauern, weil so viele Geflüchtete hier ankommen.

Weil der Schlepper in Wien uns betrogen hat, habe ich keinen Cent mehr und auch kein Internet, um mich bei meinem Bruder zu melden. Da fallen mir die 1500 ungarischen Forint ein, die ich in dem McDonalds als Rückgeld bekommen habe. Ich gehe zum Money Exchange im Bahnhof, die anderen warten im Café. Ich kriege für meine 1500 ungarischen Forint 4 Euro. Jetzt kann ich immerhin meinen Bruder vom Münztelefon aus anrufen. Er sagt mir, dass er nichts machen kann, weil die Banken am Sonntag geschlossen sind, sonst würde er mir sofort was überweisen. Niedergeschlagen gehe ich zurück ins Café.

Die anderen sind weg. Einfach weg.

Aber irgendwie auch egal, denk ich mir.

In einer Straße nahe dem Hauptbahnhof finde ich einen Laden, in dem ich für 30 Minuten kostenlos das WiFi nutzen kann. Ich nutze Viber, um meinen Bruder anzurufen. Mein Bruder hat eine Idee. Er kauft mir online ein Flixbus Ticket nach Berlin auf meinen Namen und schickt es mir per Skype Nachricht. Ich installiere die Flixbus App, über die ich mein Ticket vorzeigen kann. Es ist 8 Uhr. Um 9:30 fährt mein Bus.

Gegen 18 Uhr fährt der Bus nach Berlin rein. Wir fahren durch die Straßen der beleuchteten Stadt, in der zwei meiner Brüder leben. Da war ich wochenlang unterwegs und nun bin ich endlich in Deutschland, jetzt in Berlin. Habe meinen Zielort erreicht. Irgendwie fühlt sich das unwirklich und zugleich so nüchtern an. Es ist keine Euphorie da, eigentlich nur sowas wie Leichtigkeit. Zum ersten Mal seit Wochen so etwas wie ein Anflug von Leichtigkeit.

Mein einer Bruder erwartet mich am Busbahnhof. Wir umarmen uns für eine kleine Ewigkeit.

In der Wohnung meines Bruders angekommen, essen wir und reden. Mein anderer Bruder kommt auch vorbei. Meine Brüder wollen, dass ich bei ihnen bleibe, aber sie geben auch zu, dass das Asylverfahren in Berlin etwas länger dauert. Ich will nichts riskieren. Ich will mich sofort melden und so bald wie möglich legal hier sein. Im Internet empfehlen viele Hamburg. „Schlaf eine Nacht drüber“, sagt mein älterer Bruder.

Als ich schlafen gehe, habe ich die Entscheidung eigentlich schon getroffen.

Die nächste Episode von Omars Geschichte erscheint am 15.11.2017.

Bild von Andreas Schalk via Flickr unter CC BY 2.0 Lizenz: https://www.flickr.com/photos/schalkfoto/21403893922/

Teil 13: Der Kontrolleur

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Wien, Österreich. Mit anderen Flüchtenden hatten wir eine Dreiviertelstunde am Bahnhof auf unseren Schlepper gewartet, der versprochen hatte, uns Tickets nach München zu holen. Er war nicht zurück gekommen und mit unserem Geld in seinen Taschen abgehauen… Schließlich ging ich zum Fahrkarten-Automaten, um zu sehen wie viel eine Fahrt nach München kostete. Die anderen warteten in der Nähe. Mindestens 80 Euro. Alles zu teuer für mich. Als ich so da stand und darüber nachdachte, was ich tun könnte, tippte mir jemand auf die Schulter. Ich drehte mich um. Es war ein uniformierter Mann. So kurz vor dem Ziel, das durfte doch nicht wahr sein! „Woher kommen Sie?“ Ohne auch nur eine Sekunde zu überlegen antwortete ich fast reflexartig: „Ich komme aus Berlin.“ – „Da hinten ist ein Reisebüro, da können Sie hin, wenn Sie mit dem Automaten nicht zurechtkommen.“

Ich konzentrierte mich darauf, die Fassung zu bewahren. Er hat mir geglaubt. Wir wurden nicht erwischt.

Die anderen aus der Gruppe hatten alle noch genug Geld dabei. Einer von ihnen lieh mir 30 Euro, sodass auch ich mir ein Ticket nach München kaufen konnte. Wir mussten noch nicht einmal lange auf den nächsten Zug warten.

Im Zug waren wir alle sehr angespannt. In Salzburg hielt der Zug für zwei Stunden. Wir wussten nicht was los war. Es gab eine Durchsage, aber niemand verstand sie. Angst breitete sich aus. Das waren unglaublich lange zwei Stunden. Mir liefen unaufhaltsam Bilder durch den Kopf. Ich stellte mir vor, wie ein Kontrolleur den Zug betrat und die Papiere aller kontrollierte. Mit jedem Schritt seiner schweren Stiefel, die sich mir näherten, schien Deutschland sich ein Stück von mir zu entfernen. Ich hatte, Angst, meine Brüder nicht sehen zu können, obwohl ich Deutschland schon so nah war. Dass ich in Österreich würde bleiben müssen oder nach Ungarn zurückgeschickt würde. Irgendwann waren diese qualvollen zwei Stunden vorbei. Der Zug fuhr an. Mir fiel ein Stein vom Herzen.

Um 7 Uhr morgens kamen wir am Münchener Hauptbahnhof an.

Die nächste Episode von Omars Geschichte erscheint am 11.11.2017.

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Teil 12: Der hilfsbereite Schlepper

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Flüchtlingscamp, Ungarn. Mir war in der Nacht im Camp, in das ich gehen musste, weil Budapest überfüllt gewesen war und ich nicht weiter gewusst hatte, mein ganzes Geld gestohlen worden. Beim Frühstück beriet ich mich mit anderen Flüchtenden. Es gab einen kostenlosen Bus zum nächsten größeren Ort. Den nahm ich und dann rief ich meinen Bruder an und erzählte ihm, was passiert war. Das mein gesamtes verbliebenes Geld geklaut worden war. Er überwies mir Geld über Western Union.

Ich lief im Ort umher und wurde irgendwann von einem marokkanischen Schlepper angesprochen. Er sagte, er könne mich für 100 Euro bis nach Wien bringen und ich müsse ihn auch erst in Wien bezahlen. Das hörte sich für mich gut an, schließlich würde es etwas dauern bis ich das Geld bei Western Union abholen könnte. Außerdem hörte sich das sicher an. So konnte ich erst bezahlen, nachdem der Schlepper seine Aufgabe erfüllt hatte.

Mit zehn weiteren Personen fuhren wir mit dem Zug bis nach Hegyeshalom, einen ungarischen Ort kurz vor der österreichischen Grenze. Dort stiegen wir mitten in der Nacht aus und gingen ungefähr drei Stunden den Gleis entlang. Wir überquerten die Grenze unbemerkt und konnten am frühen Morgen in einem österreichischen Dorf einen Zug nach Wien nehmen. Es gab keinerlei Kontrollen. Wir kamen noch morgens in Wien an. Ich war unglaublich erleichtert. Ich holte das Geld bei der Western Union am Bahnhof schnell ab. Der Schlepper hatte seinen Dienst getan und nahm seine Bezahlung entgegen. Er bot an, für uns alle zum Ticketschalter zu gehen und uns die Zugtickets nach München zu besorgen. Da keiner von uns gut Deutsch konnte und nicht auffallen wollte, waren wir froh über das Angebot und willigten ein. Der Mann hatte unser Vertrauen definitiv gewonnen. Er sammelte von jedem von uns 200 Euro ein. Ich hatte dann noch 50 Euro übrig. Das würde für eine Fahrt von München nach Berlin reichen. Der Schlepper machte sich auf den Weg zum Schalter, welcher außerhalb unserer Sichtweite war. Wir warteten. Und warteten. Die ersten wurden nervös. Was, wenn er abgehauen war? Mit jeder Minute wurden die Zweifel größer. Manche Männer begannen sich umzuschauen und nach ihm zu suchen. Wir warteten lange. 30, 45 Minuten. Er kam nicht zurück. Er hatte uns betrogen.

Die nächste Episode von Omars Geschichte erscheint am 08.11.2017.

Bild von Edgars via Flickr unter CC BY 2.0 Lizenz: https://www.flickr.com/photos/edgarsj/8542811326/

Teil 11: Geld weg

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Szeged, Ungarn. Ich verließ das Gefängnis, in dem ich eine Woche festgehalten worden war, und ging zum Bahnhof von Szeged. Ich würde meinen Plan, nach Deutschland zu gelangen, weiter verfolgen und zunächst nach Budapest fahren. Die Adresse des Flüchtlingscamps nahe der slowakischen Grenze, die mir die Polizisten im Gefängnis gegeben hatten, behielt ich nur für den Notfall. Bis 7 Uhr morgens fuhren keine Züge. Nur ein McDonalds hatte geöffnet. Dort wärmte ich mich auf und kontaktierte meinen Bruder, er solle mir Geld überweisen.

Mit drei anderen Männern aus dem Gefängnis nahm ich schließlich den ersten Zug nach Budapest. Auch sie wollten nicht in Ungarn bleiben. Als wir gegen 10 Uhr in Budapest ankamen, gingen wir zu einem arabischen Restaurant, welches als Treffpunkt für Schlepper und Flüchtende bekannt war. Wir aßen dort und warteten darauf, mit anderen ins Gespräch zu kommen, angesprochen zu werden. Doch nichts geschah. Vielleicht war es zu früh.

Nach dem Essen ging ich raus auf die Straße. Ich hielt Taxis an, benutzte das wenige deutsch, was ich aus dem Kurs in Syrien mitgebracht hatte, und gab mich als Deutscher aus, in der Hoffnung, jemand würde mich oder uns dann mitnehmen. Die Taxifahrer waren vorbereitet und wollten meine Dokumente sehen.

Ich wusste nicht wie es weitergehen sollte. Es war schwierig ein Hotel zu finden. Die ganze Stadt war überfüllt. Mein Bruder riet mir, nicht gleich nach einer direkten Verbindung nach Österreich oder Deutschland zu gucken, sondern der österreichischen Grenze zunächst näher zu kommen und dann mit einem Bus oder Taxi nach Österreich zu fahren. Ich nahm also am selben Tag noch einen Zug nach Gyor. Dort kaufte ich mir für 100 Euro ein Zugticket nach München. Zwei Stunden wartete ich am Bahnhof auf meinen Zug nach Deutschland. Als der Zug um 23 Uhr in den Bahnhof einfuhr, tauchten plötzlich Polizisten auf. Alle Menschen auf dem Bahnsteig wurden kontrolliert. Ausnahmslos alle. Sie sahen sich meine Papiere an und verbaten mir, in den Zug zu steigen. Sie gingen nicht so schnell weg. Erst als der Zug abgefahren war, zogen sie wieder ab.

Ich war am Boden zerstört. Ich wusste nicht, wohin. Und ich war sehr müde nach drei Tagen ohne Schlaf. Da fiel mir die Adresse der Flüchtlingsunterkunft wieder ein. Ich wollte da nicht hin, aber ich hatte keine großen Alternativen für die Nacht. Ein Taxi brachte mich dorthin.

Mir wurde eine Matratze in einer riesigen Halle zugewiesen. Alle waren in diesem einen großen Raum. Jetzt war alles egal. Ich legte mich hin und schlief sofort ein.

Als ich aufwachte, prüfte ich wie immer, ob ich noch alles bei mir hatte. Mein Pass, mein Handy, das Geld. Ich griff in meine Hosentasche… Mein ganzes Geld war weg! 300 Euro!

Auf der Überwachungskamera war nichts zu sehen. Mein Schlafplatz war weit entfernt von der Kamera und meine Matratze verdeckt von anderen schlafenden Menschen.

Die nächste Episode von Omars Geschichte erscheint am 04.11.2017.

Bild von -Mandie- via Flickr unter CC BY NC ND 2.0 Lizenz: https://www.flickr.com/photos/captivated/117197485/

Teil 10: Wurstbrot

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Belgrad, Serbien. Als ich mit dem Bus, in den ich auf der Autobahn eingestiegen war, in Belgrad ankam, ging ich zur Polizei, um mich für eine Aufenthaltserlaubnis zu melden. Das hatte ich mir gut überlegt. Serbien gehört nicht zur EU, ich könnte also weiterreisen. Ich erhielt eine kurzfristige Aufenthaltsgenehmigung für 48 Stunden, in denen ich Zeit hatte zu dem Flüchtlingscamp zu gelangen, von dem sie mir eine Adresse mitgaben. Ich ging stattdessen in ein Hostel und begann meine Planung. Ich kontaktierte die Brüder, die ich bei meinem dritten Versuch Griechenland zu verlassen hinter der mazedonischen Grenze am Busbahnhof verloren hatte. Sie waren auch in Belgrad. Wir trafen uns und sie berichteten mir von ihrem Plan einen Schlepper zu bezahlen, um nach Deutschland zu gelangen. Ein Schlepper für den Rest des Weges bis nach Deutschland war zu teuer für mich. 4500 Euro sollte es kosten! Deswegen entschied ich mich dazu, erstmal zu Fuß weiter zu reisen. Ich wusste, dass ich mich am Besten nicht in Ungarn erwischen lassen durfte. Sonst würde ich dort meinen Fingerabdruck abgeben müssen und dann würde mein Asylverfahren in Deutschland sehr viel länger dauern oder ich würde möglicherweise sogar abgelehnt und nach Ungarn zurückgeschickt werden.

Mit zwei anderen Männern nahm ich ein Taxi nach Subotica, einem Ort nahe der ungarischen Grenze. Nahe Subotica wurden wir von der Polizei angehalten. Unsere 48 Stunden-Erlaubnis war nicht mehr gültig. Für jeweils 70 Euro konnten wir die Polizisten dazu bringen, uns weiterfahren zu lassen. Bei Subotica mussten wir aussteigen und weiter zu Fuß gehen.

Nachts überquerten wir die Grenze. Gegen 5 Uhr morgens waren wir schon ein Stück über die Grenze hinausgekommen. Wir zogen uns saubere Sachen an.  Wir sahen Schilder nach Szeged, wo wir einen Bus nehmen wollten. Wir waren sehr erschöpft und müde, weil wir die ganze Nacht über gelaufen waren. Daher wollten wir ein Taxi nach Szeged nehmen. Uns wurde gesagt, dass wir an einer Tankstelle ein Taxi nehmen könnten. Wir waren auf einem kleinen Weg, der uns auf die Autobahn führen würde, doch wir sahen, dass am Ende des kleinen Weges ein Polizeiwagen stand. Also gingen wir den kleinen Weg schnell zurück bis zur letzten Gabelung und schlugen einen anderen Weg ein, der uns über einen Umweg nach Szeged führen würde. Doch nach einer halben Stunde kam uns ein weiterer Polizeiwagen entgegen. Er war schon zum Teil gefüllt mit anderen Flüchtenden. Es war wohl ein Großeinsatz. Das was nicht passieren durfte, war passiert. Ich wurde in Ungarn erwischt.

Außer uns wurden noch viele andere verhaftet. Wir mussten in einen Polizeiwagen einsteigen und wurden zu einem kleinen Gefängnis gebracht. Die Polizisten behandelten uns wie den letzten Dreck. Es gab keine Betten. Wir mussten auf dem harten und kalten Betonboden schlafen. Zum Essen bekamen wir Wurstbrot aus Schweinefleisch. Einmal am Tag durfte man in Begleitung eines Wachmannes auf Klo gehen. Nach drei Tagen wurde ich gefragt, ob ich meinen Fingerabdruck abgeben wolle. Dann könnte ich in Ungarn bleiben. Wenn ich das nicht täte, würde ich weitere zehn Tage eingesperrt sein und dann nach Griechenland abgeschoben werden. Ich musste darauf hoffen, dass ich wenn ich in Deutschland ankäme, trotz Fingerabdruck in Ungarn, dort Asyl bekommen würde.

Nach drei weiteren Tagen konnte ich meinen Fingerabdruck abgeben. Viele meiner Mitgefangenen versuchten verzweifelt ihren Fingerabdruck mit Klebstoff und anderen Methoden zu manipulieren, doch es half nichts. Wir mussten vorher unsere Hände waschen.

Kurz nach Mitternacht wurde ich freigelassen. Ich bekam die Adresse einer Flüchtlingsunterkunft nahe der slowakischen Grenze und ein Zugticket, um dort hin zu kommen.

Die nächste Episode von Omars Geschichte erscheint am 01.11.2017.

 

Bild von disastrous via Flickr unter CC BY NC ND 2.0 Lizenz: https://www.flickr.com/photos/bienaventurada/2912658697/

Teil 9: Das Haus des Schleppers

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Vaksince, Mazedonien. In dem Haus des Schleppers, nahe der serbischen Grenze, kamen an einem der Tage unseres Aufenthalts dort zwei halbnackte Männer an, die von Kumanovo alleine ohne Schlepper hergekommen waren. Sie wurden ausgeraubt und trugen nur noch Unterwäsche. Wir durften während der fünf oder sechs Tage das Haus kein einziges Mal verlassen. Es gab Männer, die für uns einkaufen gingen und uns auch Sim-Karten mitbrachten. Es wurden Einkaufslisten geschrieben und Geld eingesammelt.

Es war frustrierend fast eine Woche nur rumzuhängen und zu warten, aber ich merkte auch, wie nötig ich es hatte. Meinem Körper tat diese Pause gut und es gab mir Zeit, zu planen. Ich würde dem Schlepper 450 Euro dafür bezahlen, dass er mich über die mazedonisch-serbische Grenze bis nach Presevo in Serbien brächte. Der mutig aussehende Mann, der spontan entschieden hatte, mich doch nicht alleine gehen zu lassen und mit mir vom Hara Hotel bis hier her gekommen war, würde mich nicht länger begleiten.

Die Gruppe bestand aus ungefähr 50 Personen und wurde von drei Männern des Schleppers geleitet. Als wir aufbrachen waren es mehrere Grad unter null. Die wahrscheinlich kälteste Etappe. Ich zog drei Hosen übereinander an und hatte mir Trekkingstiefel besorgt. Nach einer kurzen Strecke zu Fuß wartete ein Traktor auf uns und wir wurden aufgefordert für die Traktorfahrt 15 Euro zu zahlen oder zu Fuß zu gehen. Es machte mich wütend, dass uns das nicht gesagt worden war, aber ich hatte noch Geld und es war zu kalt, freiwillig zu Fuß zu gehen. Nach einer wackeligen, etwa 45-minütigen Fahrt mussten wir wieder laufen.

Vor uns erstreckte sich ein Gebirge. Wir mussten klettern. Ich hielt mich an Pflanzen fest, konzentrierte mich auf jeden Schritt und jeden Griff. Jeder dachte nur noch an sich selbst. Ich versuchte den Gedanken auszublenden, dass ich stürzen könnte. Irgendwann kam ein Fluss. Das Wasser war eisig kalt. Wir überquerten den strömenden Fluss an Stellen, wo Steine herausragten. Trotzdem standen wir hüfthoch im Wasser. Auf der anderen Seite des Flusses trafen wir eine andere Gruppe. Alle standen sie da im Kreis. In der Mitte saß ein Mann, dem es nicht gut zu gehen schien. Uns wurde erzählt, dass er Diabetiker sei und seine Medizin nicht dabei habe. Einer aus unserer Gruppe hatte Zuckerwürfel dabei, die er dem Mann gab. Ich glaube, es ging dem Mann dann gleich etwas besser, aber wir wissen nicht, was später mit ihm geschah. Wir gingen bald weiter.

Als wir bei unserem Zwischenstopp ankamen, einem Zeltlager nahe der serbischen Grenze, wo uns ein Auto abholen und nach Presevo bringen sollte, wurde uns gesagt, dass der Wagen von Polizisten entdeckt worden war. Da das Zeltlager schon voll war, konnten wir nicht dort unterkommen und auf ein nächstes Auto warten, sondern mussten weiter laufen. Langsam war ich überzeugt davon, dass die versprochenen Autos des Schleppers alle bloß Lügen waren, um mehr Flüchtende zu locken und zu überzeugen, mit ihm zu gehen.

Gegen 4 Uhr morgens, wurde uns gesagt, es sei nicht mehr weit bis zur Grenze. Die Gruppe löste sich etwas auf, um weniger aufzufallen. Wir, ein anderer Mann und ich, schafften es tatsächlich bald, die Grenze zu überqueren. Ich hatte nun endlich Serbien erreicht und war somit ein Schritt weiter als je zuvor. Auf der serbischen Seite wollten wir einen Bus nach Presevo nehmen, doch die Busstation war so mit Flüchtenden überladen, dass wir uns erst einmal in einer Moschee versteckten und aufwärmten. Schließlich entschieden wir uns, ein Taxi zu nehmen. Zunächst waren alle Angebote zu teuer. Ich hatte nur noch 150 Euro dabei, die bis Belgrad reichen mussten. Es kamen mehr und mehr Leute bei der Busstation und der Moschee an. Es war viel Polizei unterwegs und es stellte sich heraus, dass es in nächster Zeit gar keinen Bus Richtung Belgrad geben würde.

Nach zwei Stunden fand ich endlich ein Taxi, das mich für 100 Euro bis zu einem Dorf kurz vor Presevo bringen würde. Von dort aus hoffte ich darauf, einen günstigen Bus nach Belgrad erwischen zu können. Der Taxifahrer befahl mir, dass ich mich hinten auf die Rückbank legen sollte, um nicht entdeckt zu werden. Außerdem wollte er sofort mein Geld haben. Er drohte damit, mich sonst bei der Polizei zu melden. Mir blieb nichts anderes übrig. Er raste los. Nach nur 15 Minuten durfte ich mich aufsetzen und der Taxifahrer sagte, wir seien kurz vor der Busstation von Presevo. Ich wurde abgesetzt. Ich schaltete mein GPS an und stellte entsetzt fest, dass der Taxifahrer mich betrogen hatte. Mein Handy zeigte mir an, dass ich mich erst in der Nähe von Cakanovak befand, noch weit von Presevo entfernt.

Ich würde also laufen müssen. Ich ging entlang der Autobahn Richtung Presevo. Nach einer halben Stunde näherte sich hinter mir ein Bus an, auf dem in Leuchtschrift vorne „Belgrad“ drauf stand. Ich streckte sofort meinen Daumen aus, begann zu winken. Der Bus fuhr auf den Seitenstreifen und hielt an. Ich durfte einsteigen. Die Fahrt kostete mich 20 Euro. Ich hatte noch 30 Euro übrig und würde in acht Stunden in Belgrad ankommen. Ich ließ mich auf den komfortablen Sitz des Fernbusses fallen und musste grinsen. Alles würde gut werden, dachte ich in dem Moment. Ich loggte mich im WiFi des Busses ein und schrieb meinem Bruder nach langer Zeit wieder eine Nachricht.

Um 16 Uhr kam ich in Belgrad an. Ich war für den Tag der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt.

Die nächste Episode von Omars Geschichte erscheint am 28.10.2017.

Bild von Annie Spratt via unsplash unter CC 0 Lizenz: https://unsplash.com/photos/tG822f1XzT4

Teil 8: Hara Hotel

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Evzoni, Griechenland.  Nachdem ich in Gevgelija, Mazedonien an der Busstation von der Polizei erwischt worden war, war ich zurück ins Hara Hotel gekehrt. Am selben Abend begegnete ich einem mutig aussehenden Mann aus Palästina. Mit zwei anderen Männern vereinbarten wir am nächsten Morgen aufzubrechen. Alle waren zwischen 20 und 30 Jahre alt. Trotz den drei Rückwürfen war ich optimistisch. Immerhin war ich diesmal nicht ganz nach Athen zurück geworfen worden, sondern immer noch Nahe der griechisch-mazedonischen Grenze.

Die Sonne ging auf und wir machten uns auf den Weg. Die drei Männer wollten entlang der Autobahn Richtung Norden gehen, weil ihre Schuhe kaputt waren und sie daher nicht bereit waren auf unbefestigten Wegen oder entlang des Bahngleises zu gehen. Ich machte schweren Herzens den Kompromiss. Schließlich hatte ich kaum eine andere Wahl. Alleine wäre ich nichts.

Kurz vor der Grenze kam es wie es kommen musste. Wir wurden von der griechischen Polizei festgenommen und befragt. Es wurden uns die Pässe weggenommen. Wir wurden sechs Stunden festgehalten, um am Ende unsere Pässe zurückzubekommen, ausgesetzt zu werden und gesagt zu bekommen, dass wir zurück Richtung Süden gehen sollen. Alle waren frustriert und entmutigt. Sie wollten tatsächlich wieder zurück nach Athen und es dann mit einem Schlepper versuchen!

Wir waren so kurz davor, die Grenze zu übertreten. Wie konnten die daran denken, wieder zurück zu gehen? Es war mein vierter Anlauf seit ich nach Athen gekommen war, Griechenland zu verlassen. Ich hatte genug. Ich traf eine Entscheidung. Es gab keine Zweifel. Laut GPS sollte es zu Fuß bis nach Gevgelija in Mazedonien nur noch eine Stunde dauern. Dieser Rückschlag ließ mich noch entschlossener werden. „Ich gehe weiter Richtung Grenze. Auch alleine. Wer mitkommen will, kann mitkommen, aber ich gehe so oder so.“ Alle drei Männer schüttelten ihre gesenkten Köpfe. Ich hatte mich schon darauf eingestellt. Ich drehte mich um, sie drehten sich um, und wir gingen in die entgegengesetzten Richtungen.

Nach ein paar Metern hörte ich jemanden meinen Namen rufen. Ich drehte mich um. Es war der mutig aussehende Mann. „Ich komme doch mit.“

Wir überquerten wie bei meinem letzten Versuch die Brücke und gingen dann die Gleise entlang. Wir überquerten die Grenze und erreichten Gevgelija. Dort kauften wir zwei Tickets nach Strumica. In Strumica angekommen nahmen wir sofort einen weiteren Bus nach Skopje, die Hauptstadt von Mazedonien. Ich machte mir Sorgen über Polizeikontrollen, da die Polizei in Skopje aufgrund der hohen Zahl der Flüchtenden, sehr aufmerksam und alarmiert war.

Daher nahmen wir in Skopje gleich den nächsten Bus nach Kumanovo, wo wir dann am Abend ankamen. Kumanovo erwartete uns mit einer klirrenden Kälte und ganz viel Polizei. Ich wiederholte innerlich: Wir dürfen nicht erwischt werden. Wenn wir hier erwischt werden, werden wir zurück nach Griechenland geschickt, und das wo wir schon so nah an der serbischen Grenze sind. Wir versuchten ein Taxi zu nehmen, um nach Lojane, direkt an die Grenze, zu fahren. Doch niemand wollte uns mitnehmen. Sie hatten alle Angst vor Kontrollen. Sahen uns an, wer wir waren. Ich war ratlos und nervös. Ich rief meinen Bruder an, doch der wusste auch keinen Rat. Wir fragten in einer Facebookgruppe nach Tipps. Man warnte uns vor Räubern auf der Strecke Kumanovo-Lojane und riet uns davon ab, zu Fuß zu gehen. Man empfahl uns einen Schlepper. Wir beschlossen, den Schlepper zu kontaktieren. Er sagte, er würde uns eine Person dahin schicken, wo wir grad waren. Diese würde uns dann abholen und zu einem Auto bringen, welches uns fahren würde.

Wir warteten eine gefühlte Ewigkeit. Irgendwann kam die Person endlich. Wir mussten 150 Euro pro Person zahlen. Der Mann führte uns durch die Natur, weit ab von der Hauptstraße. Das mit dem Auto klappte nicht. Der Mann sprach von Schwierigkeiten, wir müssen weiter zu Fuß gehen. Ich war genervt, aber trotzdem froh, dass wir wenigstens nicht ganz allein waren. Mitten in der Nacht kamen wir schließlich in Vaksince an, wo der Schlepper ein großes Haus betrieb, in dem die Flüchtenden auf dem Weg zur Grenze eine Pause machen und übernachten konnten. Das Gelände war von vielen Männern bewacht. Wir bekamen ein warmes Essen und fielen dann ins Bett.

Es war eine unruhige Nacht. Ich konnte nicht aufhören, nachzudenken. Ich machte mir große Sorgen. Wie würde es weitergehen? Obwohl es voran ging, verließ mich langsam der Mut. Was, wenn ich bald wieder erwischt würde und mich morgen wieder in Griechenland wiederfände?

Wir verbrachten eine knappe Woche in dem Haus.

Die nächste Episode von Omars Geschichte erscheint am 25.10.2017.

Bild von Ramon Boersbroek via Flickr unter CC BY NC 2.0 Lizenz: https://www.flickr.com/photos/ramonboersbroek/6738712799/

Teil 7: Zurück in Athen

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Athen, Griechenland. In Mazedonien, zwischen Kosturino und Strumica hatte die Polizei mich entdeckt und ich war nach Athen zurückgekehrt. Zum zweiten Mal fand ich mich ungewollt in dieser Stadt wieder. Statt voranzukommen, wurde ich auch beim zweiten Versuch Griechenland zu verlassen, zurückgeworfen, so als wären die vielen gelaufenen und gefahrenen Kilometer nichts wert. Ich begann wieder zu planen. Diesmal war die Strategie, die bekannteste Route zu nehmen, auch wenn dies ein höheres Risiko barg, erwischt zu werden. Der letzte Fluchtversuch über eine neue, unbekannte Route durch die Natur, ab von befestigten Wegen war zu hart und kraftraubend gewesen. Und letztendlich war ich auch so erwischt worden. Der neue Plan: von Thessaloniki nach Polykastro, dann an Evzoni vorbei, über die Grenze, nach Gevgelija. Ich besorgte neue Kleidung und einen Regenanzug. Nach über einer Woche in Athen war ich soweit. Ich fuhr mit dem Zug nach Thessaloniki, zum dritten Mal schon. Ich sagte mir, dass dies mein Durchgang war, diesmal würde ich weiterkommen. In Thessaloniki lernte ich zwei Brüder kennen, die in etwa so alt waren wie ich. Für sie war es der erste Versuch, Griechenland zu verlassen und die Flucht fortzusetzen. Über die Route informierte ich mich bei Männern, die diese Route schon einige Male ausprobiert hatten. Manche von ihnen sogar schon zwölf Mal!

Es ging los. Wir nahmen eine Bus nach Polykastro. Die typische Route. Der Bus war  ausschließlich mit Flüchtenden gefüllt. Der Busfahrer sprach ein wenig arabisch. Das hatte er sich über die letzten Monate, in denen er ständig arabisch-sprechende Flüchtlinge gefahren hatte, angeeignet. Er bot an, uns weiter nach Evzoni zu fahren. Das war praktisch fast direkt vor der Grenze. Ein sehr gutes Stück weiter als Polykastro, viele Kilometer, die wir eigentlich zu Fuß hätten gehen müssten. Es war wie ein Geschenk. Ein gutes Omen, dachte ich. In Evzoni angekommen, brachte er uns zum Hara Hotel, wo wir die Nacht verbrachten.

Am nächsten Morgen gesellten sich zu uns drei weitere junge Männer, die wir im Hotel kennengelernt hatten. So zogen wir zu fünft weiter. Es war ein Mann dabei, der die Strecke schon einmal genommen hatte. Zusammen mit ihm führte ich die Gruppe mithilfe der Navigations-App an. Wir bogen von der Hauptstraße, die auf die Grenze zuführen würde, nach links ab und überquerten die Brücke über den Fluss Vardar und liefen bis zur Zugstrecke. Entlang der Gleise gingen wir wieder weiter nach Norden, durch Idomeni durch (das war zu dem Zeitpunkt meiner Flucht noch unproblematisch, da Idomeni noch nicht so überfüllt war) und überquerten erfolgreich die Grenze. Auf der mazedonischen Seite teilten wir uns auf und wechselten unsere Klamotten, sodass wir etwas besser gekleidet und unauffälliger wirkten. Ich war zu zweit mit einem anderen Mann. Die Brüder mit denen ich in Thessaloniki gestartet war, waren in der anderen Gruppe. In Gevgelija gingen wir einkaufen und aßen etwas. Wir erhielten mazedonisches Wechselgeld, der Kurs war gut. Wir gingen zur Busstation, wo wir die anderen drei Männer sahen. Doch wir taten so, als würden wir uns nicht kennen. Ich kaufte ein Busticket nach Skopje. Ich sah wie die Brüder aus Thessaloniki in einen Bus einstiegen, während ich noch auf meinen Bus nach Skopje wartete. Sie hatten sicherlich Tickets für einen früheren Bus erwischt. Schließlich waren sie schon am Busbahnhof als ich dort ankam. Nach ein paar Minuten, kam mein Bus. Ich wollte gerade einsteigen, da erschien die Polizei. Als wäre es uns auf die Stirn geschrieben, dass wir nicht hierher gehörten, fischten sie mich und andere Flüchtende raus, bevor wir in den Bus steigen konnten. Ich musste meine Papiere zeigen und wurde festgenommen. Sie brachten uns in ein Gefängnis, wo ich zwei Stunden warten musste. Dann wurden wir alle zurück an die griechische Grenze gebracht. Als ich an der Grenze stand, rief ich die Brüder an. Sie waren auf dem Weg nach Strumica. Ich hatte mich geirrt. Sie waren nicht in einen Bus nach Skopje gestiegen. In Strumica wollten sie einen Bus nach Skopje nehmen. Mir wurde klar, dass es dumm gewesen war, direkt nach Skopje fahren zu wollen. Von kurz hinter der griechisch-mazedonischen Grenze einen Bus direkt bis kurz vor die mazedonisch-serbische Grenze zu nehmen war schon sehr verdächtig. Kein Wunder, dass die Polizisten die Fahrgäste, die nach Skopje fahren wollten, nach Flüchtlingen durchsucht hatten.

Zurück im Hotel Hara beschloss ich es den Brüdern bei meinem nächsten Versuch nachzumachen und den Umweg über Strumica zu gehen.

Die nächste Episode von Omars Geschichte erscheint am 21.10.2017.

Bild von Nicolas Vigier via Flickr unter CC 0 1.0 Lizenz: https://www.flickr.com/photos/boklm/4890566014/

Teil 6: Zurückgeworfen

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Dojransee, Mazedonien. Nun war ich erst mal wieder alleine. Mein Fluchtpartner und ich hatten vor kurzem die griechisch-mazedonische Grenze überquert. In einem Café hatte die Frau am Tresen wahrscheinlich die Polizei angerufen. In Panik war ich zügig aus dem Geschäft gegangen. Mein Partner blieb zurück. Ich lief und lief und lief. Entlang der Hauptstraße, rechts von mir der große See. Ich hatte einen unglaublichen Durst. Nach dem Säubern der Wunden war mein Wasser ausgegangen. Bei einem Markt holte ich mir eine 300ml Flasche. Als eine Gabelung kam, entschied ich mich für den Weg Richtung Kosturino. Nach ein paar Minuten nach Einschlagen dieses Weges, erreichte mich eine Nachricht von meinem Partner. Er war von der Polizei erwischt worden. Er versicherte mir, dass er erzählt  hatte, dass er alleine unterwegs war. Mir lief ein Schauer über den Rücken. Mein Instinkt und meine noch verbleibende Energie hatten mich gerettet. Die Frau um Café hatte tatsächlich die Polizei angerufen und diese hatten ihn für mich gehalten. Seine zerstörte Kleidung hatte ihn sicherlich auffälliger gemacht.

Es musste aber weitergehen. Mir tat der Mann leid, aber ich konnte nicht allzu lange darüber nachdenken. Gegen 16 Uhr kam ich in Kosturino an. Ich entschied mich dafür weiter zu Fuß nach Strumica, die nächst größere Stadt zu laufen. Der Weg sollte maximal drei Stunden dauern, laut Navigation. Meine Beine waren sehr müde, ich machte viele Pausen. Um 18 Uhr war ich so müde, dass ich sehr darauf hoffte, von einem Auto oder Taxi für den Rest der Strecke mitgenommen zu werden. Außerdem war es schon dunkel. Als ein Lichtkegel auf mich schien, freute ich mich. Aber dann schien es mir plötzlich seltsam. Ich wurde so sehr geblendet, dass ich nichts sehen konnte. Dann hörte ich Stimmen und Schritte.

Es war die Polizei. Sie hatten mich von einem Checkpoint aus gesehen. Sie nahmen mich mit. Sie konnten kein Englisch und bestellten eine Dolmetscherin. Ich erzählte meine ganze Geschichte und flehte darum, dass sie mich nach Strumica weiter gehen lassen. Sie ließen mich in einem Polizeiwagen direkt beim Checkpoint übernachten und brachten mich am nächsten Morgen zur griechischen Grenze zurück. Auf meine Bitte hin, ließen sie mich dort raus, wo ich meinen Rucksack am vorigen Tag vor Überqueren der Grenze gelassen hatte. Es regnete in Strömen. Ich fragte nach einem Taxi nach Kilkis. In Kilkis nahm ich einen Bus nach Thessaloniki und dort einen Zug nach Athen.

Ich war wieder einmal bei null. Aufgegeben hatte ich aber noch lange nicht. Es brauchte einen neuen Anlauf mit einem neuen Partner und einem neuen Plan.

Die nächste Episode von Omars Geschichte erscheint am 18.10.2017.

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