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Teil 7: Zurück in Athen

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Athen, Griechenland. In Mazedonien, zwischen Kosturino und Strumica hatte die Polizei mich entdeckt und ich war nach Athen zurückgekehrt. Zum zweiten Mal fand ich mich ungewollt in dieser Stadt wieder. Statt voranzukommen, wurde ich auch beim zweiten Versuch Griechenland zu verlassen, zurückgeworfen, so als wären die vielen gelaufenen und gefahrenen Kilometer nichts wert. Ich begann wieder zu planen. Diesmal war die Strategie, die bekannteste Route zu nehmen, auch wenn dies ein höheres Risiko barg, erwischt zu werden. Der letzte Fluchtversuch über eine neue, unbekannte Route durch die Natur, ab von befestigten Wegen war zu hart und kraftraubend gewesen. Und letztendlich war ich auch so erwischt worden. Der neue Plan: von Thessaloniki nach Polykastro, dann an Evzoni vorbei, über die Grenze, nach Gevgelija. Ich besorgte neue Kleidung und einen Regenanzug. Nach über einer Woche in Athen war ich soweit. Ich fuhr mit dem Zug nach Thessaloniki, zum dritten Mal schon. Ich sagte mir, dass dies mein Durchgang war, diesmal würde ich weiterkommen. In Thessaloniki lernte ich zwei Brüder kennen, die in etwa so alt waren wie ich. Für sie war es der erste Versuch, Griechenland zu verlassen und die Flucht fortzusetzen. Über die Route informierte ich mich bei Männern, die diese Route schon einige Male ausprobiert hatten. Manche von ihnen sogar schon zwölf Mal!

Es ging los. Wir nahmen eine Bus nach Polykastro. Die typische Route. Der Bus war  ausschließlich mit Flüchtenden gefüllt. Der Busfahrer sprach ein wenig arabisch. Das hatte er sich über die letzten Monate, in denen er ständig arabisch-sprechende Flüchtlinge gefahren hatte, angeeignet. Er bot an, uns weiter nach Evzoni zu fahren. Das war praktisch fast direkt vor der Grenze. Ein sehr gutes Stück weiter als Polykastro, viele Kilometer, die wir eigentlich zu Fuß hätten gehen müssten. Es war wie ein Geschenk. Ein gutes Omen, dachte ich. In Evzoni angekommen, brachte er uns zum Hara Hotel, wo wir die Nacht verbrachten.

Am nächsten Morgen gesellten sich zu uns drei weitere junge Männer, die wir im Hotel kennengelernt hatten. So zogen wir zu fünft weiter. Es war ein Mann dabei, der die Strecke schon einmal genommen hatte. Zusammen mit ihm führte ich die Gruppe mithilfe der Navigations-App an. Wir bogen von der Hauptstraße, die auf die Grenze zuführen würde, nach links ab und überquerten die Brücke über den Fluss Vardar und liefen bis zur Zugstrecke. Entlang der Gleise gingen wir wieder weiter nach Norden, durch Idomeni durch (das war zu dem Zeitpunkt meiner Flucht noch unproblematisch, da Idomeni noch nicht so überfüllt war) und überquerten erfolgreich die Grenze. Auf der mazedonischen Seite teilten wir uns auf und wechselten unsere Klamotten, sodass wir etwas besser gekleidet und unauffälliger wirkten. Ich war zu zweit mit einem anderen Mann. Die Brüder mit denen ich in Thessaloniki gestartet war, waren in der anderen Gruppe. In Gevgelija gingen wir einkaufen und aßen etwas. Wir erhielten mazedonisches Wechselgeld, der Kurs war gut. Wir gingen zur Busstation, wo wir die anderen drei Männer sahen. Doch wir taten so, als würden wir uns nicht kennen. Ich kaufte ein Busticket nach Skopje. Ich sah wie die Brüder aus Thessaloniki in einen Bus einstiegen, während ich noch auf meinen Bus nach Skopje wartete. Sie hatten sicherlich Tickets für einen früheren Bus erwischt. Schließlich waren sie schon am Busbahnhof als ich dort ankam. Nach ein paar Minuten, kam mein Bus. Ich wollte gerade einsteigen, da erschien die Polizei. Als wäre es uns auf die Stirn geschrieben, dass wir nicht hierher gehörten, fischten sie mich und andere Flüchtende raus, bevor wir in den Bus steigen konnten. Ich musste meine Papiere zeigen und wurde festgenommen. Sie brachten uns in ein Gefängnis, wo ich zwei Stunden warten musste. Dann wurden wir alle zurück an die griechische Grenze gebracht. Als ich an der Grenze stand, rief ich die Brüder an. Sie waren auf dem Weg nach Strumica. Ich hatte mich geirrt. Sie waren nicht in einen Bus nach Skopje gestiegen. In Strumica wollten sie einen Bus nach Skopje nehmen. Mir wurde klar, dass es dumm gewesen war, direkt nach Skopje fahren zu wollen. Von kurz hinter der griechisch-mazedonischen Grenze einen Bus direkt bis kurz vor die mazedonisch-serbische Grenze zu nehmen war schon sehr verdächtig. Kein Wunder, dass die Polizisten die Fahrgäste, die nach Skopje fahren wollten, nach Flüchtlingen durchsucht hatten.

Zurück im Hotel Hara beschloss ich es den Brüdern bei meinem nächsten Versuch nachzumachen und den Umweg über Strumica zu gehen.

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Teil 6: Zurückgeworfen

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Dojransee, Mazedonien. Nun war ich erst mal wieder alleine. Mein Fluchtpartner und ich hatten vor kurzem die griechisch-mazedonische Grenze überquert. In einem Café hatte die Frau am Tresen wahrscheinlich die Polizei angerufen. In Panik war ich zügig aus dem Geschäft gegangen. Mein Partner blieb zurück. Ich lief und lief und lief. Entlang der Hauptstraße, rechts von mir der große See. Ich hatte einen unglaublichen Durst. Nach dem Säubern der Wunden war mein Wasser ausgegangen. Bei einem Markt holte ich mir eine 300ml Flasche. Als eine Gabelung kam, entschied ich mich für den Weg Richtung Kosturino. Nach ein paar Minuten nach Einschlagen dieses Weges, erreichte mich eine Nachricht von meinem Partner. Er war von der Polizei erwischt worden. Er versicherte mir, dass er erzählt  hatte, dass er alleine unterwegs war. Mir lief ein Schauer über den Rücken. Mein Instinkt und meine noch verbleibende Energie hatten mich gerettet. Die Frau um Café hatte tatsächlich die Polizei angerufen und diese hatten ihn für mich gehalten. Seine zerstörte Kleidung hatte ihn sicherlich auffälliger gemacht.

Es musste aber weitergehen. Mir tat der Mann leid, aber ich konnte nicht allzu lange darüber nachdenken. Gegen 16 Uhr kam ich in Kosturino an. Ich entschied mich dafür weiter zu Fuß nach Strumica, die nächst größere Stadt zu laufen. Der Weg sollte maximal drei Stunden dauern, laut Navigation. Meine Beine waren sehr müde, ich machte viele Pausen. Um 18 Uhr war ich so müde, dass ich sehr darauf hoffte, von einem Auto oder Taxi für den Rest der Strecke mitgenommen zu werden. Außerdem war es schon dunkel. Als ein Lichtkegel auf mich schien, freute ich mich. Aber dann schien es mir plötzlich seltsam. Ich wurde so sehr geblendet, dass ich nichts sehen konnte. Dann hörte ich Stimmen und Schritte.

Es war die Polizei. Sie hatten mich von einem Checkpoint aus gesehen. Sie nahmen mich mit. Sie konnten kein Englisch und bestellten eine Dolmetscherin. Ich erzählte meine ganze Geschichte und flehte darum, dass sie mich nach Strumica weiter gehen lassen. Sie ließen mich in einem Polizeiwagen direkt beim Checkpoint übernachten und brachten mich am nächsten Morgen zur griechischen Grenze zurück. Auf meine Bitte hin, ließen sie mich dort raus, wo ich meinen Rucksack am vorigen Tag vor Überqueren der Grenze gelassen hatte. Es regnete in Strömen. Ich fragte nach einem Taxi nach Kilkis. In Kilkis nahm ich einen Bus nach Thessaloniki und dort einen Zug nach Athen.

Ich war wieder einmal bei null. Aufgegeben hatte ich aber noch lange nicht. Es brauchte einen neuen Anlauf mit einem neuen Partner und einem neuen Plan.

Die nächste Episode von Omars Geschichte erscheint am 18.10.2017.

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Teil 5: Aus Griechenland rauskommen

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Athen, Griechenland. Nach sechs Tagen auf Chios in drei verschiedenen Flüchtlingscamps nahm ich ein Schiff nach Athen. Ich hatte eine Aufenthaltserlaubnis für sechs Monate bekommen. In Athen fand ich ein Bett in einer möblierten Zwei-Zimmer Siebener-WG. Jeder von uns zahlte 100 Euro Miete –wären wir keine Flüchtlinge, wäre die Zwei-Zimmer-Wohnung insgesamt viel günstiger gewesen als 700 Euro. Die Vermieter wissen, wie sie aus der Fluchtbewegung ein Geschäft machen können. Mein Plan war es, selbständig über Thessaloniki an die mazedonische Grenze zu gelangen, dann über Serbien nach Ungarn und über Österreich nach Deutschland. Ein Schlepper war mir zu teuer und die Route übers Meer nach Italien zu gefährlich. Ich begann mich nach zwei Personen umzuschauen, die sich mit mir auf den Weg machen würden und denen ich vertrauen konnte. Ich wusste, alleine hätte ich keine Chance. Meine Mitbewohner waren schon länger in Athen und hatten ein paar gescheiterte Versuche hinter sich, sogar mit dem Flugzeug und falschen Papieren. Nach knappen drei Woche in Athen machte ich mich mit meinem Mitbewohner und einem Freund von diesem auf den Weg. Sie kamen aus Damaskus und waren älter als ich.

Wir fuhren zuerst mit dem Zug nach Thessaloniki. Von dort aus ging es zu Fuß weiter. Einmal wurden wir von der Polizei entdeckt und zurückgeschickt, gingen ein Stück zurück und als die Luft rein war, gingen wir wieder unbemerkt weiter. Wir schliefen bei -10 Grad in einem verlassenen Haus schon recht nahe der Grenze und kletterten über bergige Landschaft. Zwei Tage später fanden wir uns in Athen wieder. Wir hatten es bis kurz vor die mazedonische Grenze geschafft und wurden dort von Polizisten entdeckt und zurückgeschickt. Der Mut hatte uns, aber vor allem die anderen beiden, verlassen. Ich hatte keine Wahl, als auch mit ihnen zurück nach Athen zu gehen.

Ich wusste, dass ich versuchen musste, jüngere und stärkere Männer zu finden, die genauso fit waren wie ich – und zuverlässiger. In einer Gruppe auf Facebook fand ich einen syrischen Mann, mit dem ich mich traf. Er wirkte stark und vertrauenswürdig. Zwar war er schon 40, aber ich hatte ein gutes Gefühl. Außerdem wäre es zu zweit sicher unkomplizierter als zu dritt, dachte ich. Wir fingen an zu planen und entschieden uns für eine ungewöhnliche, neue Route, um das Risiko zu senken, erwischt zu werden. Diesmal nahmen wir auch Schlafsäcke mit. Wir nahmen einen Zug nach Thessaloniki, wie ich es letztes Mal getan hatte, doch diesmal fuhren wir von dort aus mit einem Bus nach Kilkis. Dort versuchten wir ein Taxi zu bekommen, doch alle Taxifahrer wollten unsere Aufenthaltsgenehmigung sehen. Diese war regional begrenzt und nördlich von Kilkis ungültig. So hatten wir große Schwierigkeiten, jemanden zu finden, der bereit war, uns mitzunehmen. Letztendlich wurden wir mitgenommen. Kurz vor Cherso ließ uns die Fahrerin aussteigen. Sie hatte Angst, von der Polizei mit uns erwischt zu werden, daher brachte sie uns nicht bis an die Grenze. Entlang einer großen Hauptstraße liefen wir weiter. Als wir der Grenze näher kamen, mussten wir die Straße verlassen. Um nicht auf den offiziellen Grenzübergang zuzulaufen. Es war schon zehn Uhr abends und dunkel und meine GPS-Navigation funktionierte nicht ganz richtig. Auf einmal wurden unsere Füße nass. Wir schienen durch einen See oder Teich zu laufen, der auf der Karte nicht angezeigt war. Wir konnten nur schlecht sehen und wussten nicht, wie wir ausweichen könnten. Außerdem wussten wir nicht, wie tief es werden würde und nahmen an, dass wir bestimmt durch das Wasser waten könnten. Doch das Wasser stieg immer höher, bis es uns bis zur Brust reichte. Mein Partner begann die Nerven zu verlieren. Er schimpfte, ich hätte nicht den richtigen Weg rausgesucht. Er war sehr sauer. Als wir das Gewässer überwunden hatten, waren wir komplett nass und unendlich erschöpft. Wir entschieden erst einmal zu schlafen. Es brachte nichts im Dunkeln weiterzulaufen. Wir holten unsere Schlafsäcke raus und legten uns in den Wald. Als der Morgen anbrach sagte der Mann, er wolle die Führung übernehmen. Ich wusste, dass ich keine Chance hatte und stimmte zu.

Wir zogen weiter. Plötzlich sah ich zwischen Bäumen eine Bewegung. Sie kam näher. Es war zu spät wegzurennen. Es waren Soldaten mit Schlagstöcken und sie hatten uns gesehen. Sie kontrollierten unsere Papiere und drohten uns. Wenn wir nicht kehrt machten, und sie uns noch einmal sahen, dann würden sie uns verprügeln. Bis jetzt waren die Polizisten immer ganz nett gewesen. Diese beiden waren aggressiv und schienen nur darauf zu warten, etwas zu tun zu haben. Zum Glück war mein Partner genauso wenig wie ich dazu bereit, so einfach aufzugeben. Wir gingen ein Stück zurück, doch als das Militär abgezogen war, drehten wir wieder um und setzten unseren Weg Richtung Grenze fort. Mein Partner übernahm nun das Kommando, wir liefen weiter durch Wald und Felder. Nach einer Weile wurde das Gestrüpp immer dichter und immer höher. Pflanzen, die uns bis zur Brust reichten, mit harten Zweigen und Dornen. Es war weit und breit kein Ende zu sehen, kein Pfad auf dem wir laufen könnten. Wir schauten nach links und nach rechts, doch soweit wir blicken konnten, nahm dieses Gestrüpp kein Ende. Uns blieb nichts anderes übrig als die Zähne zusammen zu beißen und uns durchzukämpfen. Schon bald schmerzte mein gesamter Körper. Wir versuchten die Pflanzen platt zu treten, doch sie waren widerspenstig und fest und zu hoch, sodass sie unsere Beine schnitten und piksten. Es half auch nicht, dass wir beide unter unserer Hose eine lange Unterhose gegen die Kälte trugen. Mein Partner wurde teilweise durch seine etwas höheren Stiefel geschützt und kam schneller voran. Er drehte sich zu mir um und ich nickte ihm zu. Er sagte: „Folg einfach der Sonne. Wenn du mich nicht findest, ruf mich an.“ Ich verfluchte meine Sneaker. Mir steckten Dornen im Fleisch. Ich versuchte, nicht daran zu denken. Ich schaute mich um: wir waren gefangen in einem in alle Himmelsrichtungen nicht endenden Labyrinth aus diesen dornigen, grünen Ungeheuern. Panik ergriff mich. Noch nie hatte ich mich so hilflos gefühlt. Ich spielte mit dem Gedanken den Notruf zu wählen. Das könnte aber bedeuten, dass dieser Fluchtversuch bald Geschichte sein würde. Ich atmete durch, zog die Dornen aus meinen Beinen und ging weiter. Mein Partner war schon außer Sichtweite. Nach einem Zeitraum, der ungefähr eine Stunde gewesen sein muss, hatte ich es geschafft. Das Gestrüpp war durchquert. Mein Partner saß auf dem Boden. Ich setzte mich zu ihm und atmete auf. Ich schob meine zerschlissene Hose hoch und sah, dass meine gesamten Beine zerkratzt und blutig waren. Ich entfernte die restlichen Dornen, tupfte meine Wunden mit Taschentüchern und Wasser ab, putzte meine Schuhe soweit es ging. Ich wechselte meine durchlöcherten Klamotten, mit denen ich viel zu auffällig gewesen wäre. Außer einem Trainingsanzug zog ich mir bequemere Turnschuhe an. Mein Partner blieb in seinen zerstörten Klamotten.

Wir waren der Grenze nun schon sehr nah. Als wir an der Grenze waren, ließen wir unsere Rucksäcke zurück. Ohne Rucksack würden wir weniger wie Flüchtende oder Reisende aussehen, sondern mehr wie Mazedonier.

Wir überquerten endlich die Grenze.

Rechts von uns erstreckte sich der Dojransee. Wir gingen am Ufer entlang bis wir das nächste größere Dorf, Star Dojran erreichten. Es war etwa Mittag. In einem Café fragte ich nach einem Bus, mein Partner wartete draußen. Die Frau am Tresen guckte mich etwas verunsichert und skeptisch an. Als sie zum Telefon griff, klingelten bei mir die Alarmglocken. Ich sagte, ich müsse jetzt los. Ich verließ das Café. Ich wollte rennen, doch mein Partner war zu müde. Er nickte mir zu. Ich rannte nicht, um keinen Verdacht zu erwecken, aber ging so zügig wie ich nur konnte.

Die nächste Episode von Omars Geschichte erscheint am 14.10.2017.

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Teil 4: Die Überfahrt

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Izmir, Türkei. Der erste Anlauf, zu den Schlauchbooten zu gelangen, in denen wir nach Griechenland fahren würden, scheiterte. Es war zu viel Polizei präsent, so dass das Auto des Schleppers, was uns zur Küste bringen sollte, auf halber Strecke umkehren musste. Zwei Tage später starteten wir den zweiten Versuch. Ich packte meine Wertsachen in Luftballons, mein Pass in einem Ballon, das Smartphone in einem anderen und so weiter. Die gefüllten Luftballons verstaute ich in meiner Jackentasche mit Reisverschluss. Den Rucksack mit Klamotten musste ich bei dem Bekannten in Izmir lassen. Gegen 21 Uhr abends wurden wir in Basmane in Autos untergebracht. Es waren um die 90 Menschen: Frauen, Kinder, Männer, alte Leute, sogar Babys. Wir wurden angewiesen, unsere Handys auszuschalten, um nicht durch die Signale „sichtbar“ für die Polizei zu sein. Wir fuhren durch den Wald, es war hügelig und dunkel. Der Schlepper ist nur der Organisator, er ist selbst nie dabei. Er hat Leute, die das für ihn erledigen. Diese Leute hatten Nachtsichtgeräte dabei, um rechtzeitig Polizisten zu entdecken. Diesmal kamen wir durch, bis zur Stelle wo die Schlauchboote abfahren würden. Doch dann sichteten die Fluchtbegleiter die Wassergrenzpolizei auf ihren Motorbooten. Wir mussten uns verstecken, was aber durch die hügelige Landschaft einigermaßen gut möglich war. Ich hatte trotzdem Angst, dass wir nicht loskommen würden.

Wir harrten bis 3 oder 4 Uhr morgens im Wald aus bis sie verschwunden waren.

Als es so weit war, wurden wir in zwei Gruppen aufgeteilt. Ich war sehr erleichtert zu der Gruppe zu gehören, die das erste Schlauchboot nehmen konnte. Zu 50 Leuten quetschten wir uns in das für 20 Personen ausgelegte Boot. Nun waren wir auf uns alleine gestellt, die Leute des Schleppers hatten ihren Job erledigt. Ein syrischer Mann, der mit seiner Familie auf der Flucht war, hatte sich dazu bereit erklärt, das Boot zu lenken, wofür er dem Schlepper nichts zahlen musste. Für manche ist das die einzige Möglichkeit überhaupt zu fliehen.

Es war sehr eng, wir standen alle, ich konnte mich kein Stück bewegen und spürte um mich herum die Atembewegungen der anderen. Trotz der körperlichen Nähe war es extrem kalt. Der Mann am Steuer fuhr schnell los. Doch es wurde immer welliger. Es wurde wackelig. Und viele wurden nervös. Er reduzierte die Geschwindigkeit. Auf halber Strecke waren die Wellen so hoch, dass Wasser ins Boot eintrat. Ich stand bis zum Bauch im Wasser. Verzweifelt versuchten wir mit Eimern und Plastiktüten das Wasser aus dem Boot raus zu schöpfen und zurück ins Meer zu kippen. Es war frustrierend. Man kam nicht hinterher. So schnell wir auch schöpften, es kam immer die doppelte Menge an Wasser zurück.

Plötzlich sah ich voller Entsetzen, dass ein Junge in meinem Alter ins Wasser gefallen war. Man hielt ihm die Arme entgegen. Alle halfen mit. Es gelang uns, ihn wieder an Bord zu ziehen. Irgendwann entdeckte uns die türkische Wasserpolizei. Wir hatten Glück. Sie schickten uns nicht zurück, sondern geleiteten uns mit Licht zur griechischen Wassergrenze. Kurz vor Chios tauchten hinter und neben uns Motorboote der griechischen Wasserpolizei auf. Sie kamen auf uns zugerast. Wir fuhren schneller. Panik überkam uns alle. Ein paar Meter vor Erreichen des Strandes stach der syrische Mann, der das Boot gelenkt hatte, mit einem Messer in das Schlauchboot – eine Methode, die dazu dienen sollte, nicht mit dem Schlauchboot zurückgeschickt werden zu können. Wir schwammen die restlichen Meter und wateten hastig aus dem Wasser.

Das türkisene Wasser, der helle Strand und die weißen Häuser passten irgendwie nicht zu dem, was wir alle grad erlebt hatten. Die Anspannung der letzten zwei Stunden fiel langsam von mir ab. Ich rief das Büro an und gab den Code durch.

Die nächste Episode von Omars Geschichte erscheint am 11.10.2017.

Bild von IFCR via Flickr unter CC BY NC ND 2.0 Lizenz: https://www.flickr.com/photos/ifrc/20897697290/

Teil 3: Das Büro

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Izmir, Türkei. Einen guten Tag dauerte die Reise von Gaziantep (meinem ersten Zwischenstopp in der Türkei, den ich bei meinem Onkel verbrachte) nach Izmir. Nach den ersten Tagen in Izmir:

Ich wache auf von den Sonnenstrahlen, die in das Hotelzimmer scheinen. Der Blick aus dem Fenster zeigt mir den Stadtteil Basmane in Izmir. Mein Bruder war hier auch vor einem Jahr, das gibt mir ein gutes Gefühl. Ich stehe auf und mache mich nun den dritten Vormittag auf den Weg zum Hatuniye Park, einem Treffpunkt für Flüchtende und Schlepper. Auf dem Weg dorthin höre ich nur Türkisch. Ich verstehe nichts und niemand versteht mich. Doch beim Park angekommen, tummeln sich Gleichgesinnte. Ich höre Arabisch und Englisch und andere Sprachen. Alle tauschen sich über Fluchtwege und Möglichkeiten aus. Ich werde mehrere Male gefragt, ob ich auch fliehen möchte und mitkommen will mit dem und dem Schlepper. Aber ich höre mich nur um. Ich weiß, dass viele mit den Schleppern zusammen arbeiten und sich als Flüchtlinge ausgeben, um Vertrauen zu gewinnen.

Über meinen Bruder erhalte ich den Kontakt von einem Freundesfreund, der in Izmir lebt. Wir treffen uns und er empfiehlt mir einen Schlepper, mit dem auch schon der Freund meines Bruders es nach Griechenland geschafft hat.

Ich entscheide mich dafür, meine Flucht mit dem Schlepper über ein sogenanntes „Büro“ einer großen Schleppernetzwerk-Organisation zu planen, die als eine Art Vermittler und Versicherer agiert und aus der Flucht von den vielen Menschen ein Geschäft macht.  Diese Büros vermitteln zwischen Flüchtenden und Schleppern und geben einem die Möglichkeit, sich innerhalb von drei Tagen nach der geplanten Ankunft mittels einer SMS mit einem persönlichen Code zu melden. Wenn alles nach Plan gelaufen ist, dann wird nach der Bestätigung des Flüchtenden das (im Voraus an das Büro gezahlte) Geld an den Schlepper weitergeleitet. Wenn es Schwierigkeiten gegeben hat oder man nicht angekommen ist, dann kann man dies dem Büro mitteilen und man erhält sein Geld zurück. Meldet man sich innerhalb der drei Tage nicht, dann wird das Geld automatisch an den Schlepper überwiesen. Die Flucht über ein Büro dieser Organisation hat nichts Offizielles oder Legales an sich und ist alles andere als die Garantie für eine sichere Flucht. Die Flucht an sich spielt sich genauso ab, wie wenn man sich direkt an einen Schlepper wenden würde. Man wird in Schlauchboote gezwängt, die eigentlich für weniger Leute gedacht sind und so weiter. Es geht lediglich darum, im Zweifelsfall sein Geld zurückbekommen zu können. Man zahlt für diesen Service ca. 50 Euro Gebühr. Ich finde ein Büro, von dem ich Gutes gehört habe. Trotzdem mache ich mir Sorgen. Ich weiß nicht, ob die Leute, die es mir empfohlen haben, nicht einfach nur mit dem Büro zusammenarbeiten und die Aufgabe haben, dafür zu werben. Immerhin handelt es sich um ein großes Geschäft für Büros und Schlepper. Oft auch, so habe ich gehört, halten sich Büros nicht an das Rückzahlungsversprechen bei Misslingen der Flucht. Natürlich ist es schwierig sich dagegen zu wehren, betrogen worden zu sein, wenn man sich selbst auf ein illegales Geschäft eingelassen hat…

Die Interaktion mit dem Büro muss äußerst geheim passieren. Die Adresse ist unbekannt. Nach einem Telefonat mit dem Büro holt mich eine Person von einem verabredeten Treffpunkt ab. Der Mann begrüßt mich nicht, ich erkenne ihn an der vorher durchgegebenen Beschreibung. Wir halten Abstand, ich folge ihm. Wir laufen durch die Stadt bis wir zu einem grauen, heruntergekommenen Hauseingang kommen. Wir gehen durch einen langen, dunklen Flur. Wir erreichen einen Raum. Die Jalousien sind heruntergelassen und die Luft ist schlecht. An einem Plastiktisch sitzt ein rauchender Mann. Mein Wegweiser verschwindet. Ich nenne dem Mann am Plastiktisch den Geheimnamen des mir empfohlenen Schleppers, es wird mir alles weitere erklärt und wir vereinbaren einen Code. Zur Sicherheit fotografiere ich diesen ab und schicke ihn an meine Familie. Die Überfahrt nach Griechenland kostet mich 1300 Euro plus 50 Euro Gebühr. Nach einer Woche in Izmir kann es endlich weitergehen.

Die nächste Episode von Omars Geschichte erscheint am 07.10.2017.

Bild von ababhastopographer via Flickr unter CC BY NC SA 2.0 Lizenz: https://www.flickr.com/photos/ababh/21620489266/

Teil 2: Aufbruch

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Aleppo, Syrien. Ich saß in der Mitte dieses alten Busses, der uns zum Bab al-Hawa Grenzübergang bringen sollte, am linken Fenster, mein Gepäck neben mir auf dem Sitz. Ich blickte aus dem staubigen Fenster und behielt meine am Straßenrand stehende Familie, von der ich mich gerade verabschiedet hatte, so lange im Auge, wie es nur ging. Es waren ungefähr 40 weitere Menschen im Bus, aber es gab genug Platz für alle. Den größten Teil der Fahrt schaute ich aus dem Fenster. Wir fuhren an zerstörten Häusern vorbei und an vielen Soldaten. Ich weiß nicht mehr wie oft wir an Checkpoints zur Passkontrolle hielten, aber es war sehr oft. Außerdem verfuhren wir uns ständig und machten riesige Umwege. Unter normalen Umständen hätte die Fahrt zur türkischen Grenze zwei bis drei Stunden gedauert, eingeplant hatte ich acht Stunden. Wir waren zwei Tage lang unterwegs. An einem Stützpunkt der syrischen Armee machte der Fahrer den großen Fehler, die Soldaten nach dem Weg nach Idlib, einem Stützpunkt der Freien Syrischen Armee (Stand 2014), zu fragen. Die Soldaten drohten damit, den ganzen Bus zu durchsuchen, wenn wir ihnen nicht freiwillig unsere ganze Fremdwährung gaben. Alle gaben vor, keine Fremdwährung zu haben. Die Soldaten begannen unser ganzes Gepäck zu durchsuchen und den Fahrer mit Fragen zu löchern. Je näher die Soldaten mir kamen, desto schneller schlug mein Herz. Ich hatte mein gesamtes Geld und alles Wichtige bei mir, am Körper, in einer speziellen Unterhose mit Reißverschluss und eingenäht in den inneren Bund meiner Jeans. Einer Frau wurde eine türkische SIM-Karte weggenommen, die sie in ihrer Tasche hatte. Wir wurden auch gefragt, was wir in der Türkei wollen. Alle sagten, sie wollen nur zum Arbeiten für begrenzte Zeit dahin und nach ihrer Rückkehr nach Syrien helfen, das Land aufzubauen. Sie wussten, dass wir in naher Zukunft nicht wiederkommen würden, wenn wir den Fluchtweg bewältigen würden. Es war ihnen egal. Weniger Menschen, die aus ihren Regionen vertrieben werden müssten, mehr Gebiete, die sie einfacher besetzen könnten. Sie wollten eigentlich nur Fremdwährung einsacken. Sie ließen uns gehen.

Wir fuhren weiter. Es gab keine Straßenlaternen, als es dunkel wurde. Der Fahrer fuhr durch. Wir mussten wach bleiben, stets bereit an einem der unzähligen Checkpoints unsere Papiere vorzuzeigen. In Idlib hielten wir um Mitternacht und schliefen in einer Moschee. Am nächsten Tag ging unsere Reise um 6 Uhr morgens weiter. Kurz vor der Grenze erwartete uns ein riesiger Stau. Vier lange Stunden kroch der Bus dahin, bis wir an der Grenze waren. Direkt an der Grenze waren viele Leute, die schon tagelang dort übernachteten und auf den Übergang warteten. Ich hatte Glück. Ich musste an die Menschen denken, die irgendwo durch ein Loch in der Grenzmauer krabbeln mussten, weil sie von der Regierung verfolgt wurden oder keinen gültigen Pass hatten, und vielleicht auf der anderen Seite angekommen, angeschossen werden würden. Die türkischen Grenzbeamten durchsuchten mich wie bei einer Flughafenkontrolle, kontrollierten meinen Pass und gaben mir einen Einreisestempel. Auf der anderen Seite atmete ich auf. Ich hatte einen großen Schritt geschafft. Ich setzte mich in einen normalen Reisebus nach Reyhanli, wo ich umstieg und weiter nach Gaziantep fuhr, wo mein dort lebender Onkel mich erwartete. Gegen 21 Uhr kam ich an.

Mein nächstes großes Ziel war Izmir. Der erste Schritt war eine türkische Sim-Karte, die mir endlich den Zugang zu GPS ermöglichen würde.

Die nächste Episode von Omars Geschichte erscheint am 04.10.2017.

Bild von Melissa Wall via Flickr unter CC BY-NC 2.0 Lizenz: https://www.flickr.com/photos/melissawall/4305272097/

Teil 1: Die Entwicklung eines Plans

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Aleppo, Syrien. In Syrien gilt für alle männlichen Bürger ab achtzehn Jahren die Militärpflicht. Man kann dem nur solange entgehen, wie man eine Schule, Hochschule oder Universität besucht. Der Eintritt ins Militär wird somit nur zeitlich verschoben. Mit jedem Tag des Lernens kommen junge, syrische Männer ihrem Abschluss und damit dem Wehrdienst näher.

Ich habe mit achtzehn mein Fachabitur zur Innenarchitektur gemacht und bin dann auf die Hochschule in Aleppo gewechselt, wo ich ein Jahr verbrachte. Hätte ich noch ein weiteres Jahr studiert, wäre meine nächste Station das Militär gewesen. Seit Beginn des Krieges habe ich darüber nachgedacht, wie ich diesem Schicksal entgehen könnte.

Zwei meiner Brüder leben in Berlin. Einer von ihnen reiste 2008 über ein Stipendium als Student ein und der andere machte sich 2013 auf die Flucht. Daher kam meine Idee, nach Deutschland zu kommen.

Zuerst hoffte ich auf ein Stipendium. Ich nahm ein Jahr lang Deutschunterricht an der Universität. Währenddessen wurde die Lage in meinem Land immer kritischer. Mir wurde klar, dass ich nicht die Zeit hatte, den Kurs zu beenden und auf diesem Wege nach Deutschland zu kommen. Übrig blieb die Option Flucht.

Ich begann mich darauf vorzubereiten. Drei Monate lang sammelte ich Tipps und Informationen aus Erfahrungsberichten im Internet und von Bekannten. Mein Bruder gab mir den Kontakt eines Bekannten in Izmir. Es war von vornerein klar, dass ich mich alleine auf den Weg würde machen müssen. Die Flucht ist sehr teuer. Für meine Flucht haben mir zwei meiner Brüder jeweils die Hälfte des Geldes gegeben.

Meine Eltern hatten viel Angst um mich und wollten mich ungern gehen lassen. Das änderte sich, als ich eines Tages auf dem Nachhauseweg festgenommen wurde. Es lag eine Verwechslung vor. Verhaftungen als Mittel der Regierung, den Menschen Angst zu machen und sie zu vertreiben, gab es sowieso alltäglich. Erst nach zehn Tagen wurde ich mit verbundenen Augen vor einen Mann geführt, der dann aufgrund meiner Aussage und aus Mangel an Beweisen entschied, mich freizulassen. Als ich rauskam, wusste ich, dass es gefährlicher als alles andere war, in Syrien zu bleiben. Endlich waren meine Eltern überzeugt.

Fünf Monate nach meiner Entscheidung hatten wir das Geld für meine Flucht im Großen und Ganzen zusammen. So machte ich mich mit zwei kleinen (mit Kleidung und etwas Proviant gefüllten) Koffern auf den Weg. 1500 Euro und 300 türkische Lira – verbotene Fremdwährung, die ich vor Beginn meiner Flucht gut verstecken musste – ein Offline-Navigationsprogramm auf meinem Smartphone und mein Pass waren meine wichtigsten Begleiter. Für Erinnerungen war kein Platz, die könnten außerdem auf der Überfahrt nass werden.

Um 7 Uhr morgens am Busbahnhof verabschiedete ich mich von meinen Eltern und Brüdern. Ich fühlte die Angst davor, meine Familie möglicherweise nie wieder zu sehen und die Angst vor der Flucht. Die Ungewissheit darüber, was genau passieren und was ich erleben würde.

Die Busse, die zur Grenze fuhren, waren keine offiziellen Busse. Man konnte sich nicht im Voraus ein Ticket kaufen oder einen Platz reservieren. Sie fuhren nahe des Busbahnhofes ab und wer zuerst da war, erhielt zuerst einen Platz.

Es ist sehr wichtig, den richtigen syrisch-türkischen Grenzübergang zu wählen. Bab al-Salameh war beherrscht von ISIS, Bab al-Hawa unter der Kontrolle der Freien Syrischen Armee. Die Freie Syrische Armee, die gegen die Regierung kämpft, würde sich bei der Übergabe an die türkischen Grenzbeamten hilfsbereit zeigen. (Stand 2014)

Ich stieg in den Bus, von dem man wusste, dass er jeden Tag gegen 7 Uhr zum Bab al-Hawa Grenzübergang fährt.

Bild von Klaus Wagensonner via Flickr unter CC BY-NC-ND 2.0 Lizenz: https://www.flickr.com/photos/sipazigaltumu/3171813558/

Omars Geschichte

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar, jüngster von fünf Brüdern, ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni, in dem unser Projekt war, innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ zusammen eine Geschichte zu schreiben. Das Thema stand uns offen. Relativ schnell zeigte sich, dass Omar von seinem Weg aus Syrien nach Deutschland erzählen wollte.

Aus Omars Erzählungen sind 15 Teilgeschichten entstanden, die wir hier in einer Serie veröffentlichen. Nach und nach erscheinen hier die einzelnen Episoden, jeweils als Fortsetzung der vorangegangenen Episode. Wir hoffen, durch die Geschichten einen tieferen Blick auf das Thema Flucht geben zu können. Alles hat sich so ereignet. Omars Geschichte soll das Beispiel einer Flucht sein, wie sie viele so oder so ähnlich erlebt haben und noch erleben werden.

Die Abschnitte von Omars Reise:

Teil 01: Die Entwicklung eines Plans

Teil 02: Aufbruch

Teil 03: Das Büro

Teil 04: Die Überfahrt

Teil 05: Aus Griechenland rauskommen

Teil 06: Zurückgeworfen

Wir schaffen das

Schaffen wir das? Wer schafft was? Oder schafft es uns?

2015. Die Fernsehbilder von Flüchtenden, die nahezu pausenlos in Nachrichten und Dokumentationen zu sehen sind, beunruhigen und beschäftigen mich sehr. So sehr, dass ich nicht mehr wirklich schreiben kann. Die Bilder, die Schicksale, lähmen mich. Meine Kreativität ist regelrecht verstopft. Gleichzeitig verstecke ich mich aber auch hinter meinem „Künstlerin-sein“. Ich bin Autorin, Künstlerin und keine anpackende, ehrenamtliche Helferin. Dafür habe ich keine Zeit. Ich muss meine Zeit für die Kunst freihalten. Außerdem ist das viel zu viel „echtes Leben“.

Vielleicht, also möglicherweise … eventuell … kann ich zu dem Thema etwas schreiben. Aus einer Beobachter-Position heraus. Kurzgeschichten oder ein Theaterstück über geflüchtete Menschen. Das ist auch wichtig. Das hilft auch. Ja, genau. Guter Plan.

November 2015. In der Schule meines Sohnes gründet eine sehr engagierte Mutter, selbst einst als unbegleitete, minderjährige Jugendliche aus dem Iran nach Deutschland gekommen, eine Arbeitsgemeinschaft. Patenschaften für minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge sollen vermittelt werden. Wir telefonieren. Ihre Geschichte wäre vielleicht ein Anfang. Ein Einstieg. Ihre Erlebnisse von damals könnte ich vielleicht mit Berichten aus der Gegenwart in einem Text verknüpfen.

Ob ich in der AG mitarbeiten will? Ich? Also … nun … ich kann ja Mails schreiben. Okay, das ist keine Sache. Na gut. Mache ich.

Januar 2016. Neben Mails schreibe ich Infozettel, telefoniere, treffe mich mit den anderen Müttern der AG und die AG, also wir, machen einen Infostand. Und dann höre ich: A. aus Afghanistan, 18 Jahre, sucht einen Jogging-Partner. Huch. Nun ja, mein Mann lief früher Marathon … vielleicht? Ja macht er. Und dann kann A. natürlich gerne nach dem Laufen mit uns Mittagessen und nächsten Sonntag zum Kaffee kommen. Natürlich. Gerne.

Februar 2016. A. kommt jetzt öfter zu uns. Ich schreibe über das Kindertheatertreffen Hamburg und A. kommt einfach mit zu einer Aufführung. Wir amüsieren uns gemeinsam.

März 2016. Seit 17 Jahren gibt es Hajusom in Hamburg, die Theatergruppe, die mit jugendlichen Flüchtlingen regelmäßig tolle Produktionen hervorbringt. Das interessiert mich als Theaterfrau. Vielleicht kann ich auch mit einer Gruppe jugendlicher Flüchtlinge Theater spielen? Ich besuche eine Probe der Hajusom-Nachwuchsgruppe. Als diese zu Ende geht, hilft mir ein junger Darsteller, F. aus Afghanistan, 18 Jahre, den verschlungenen Weg aus dem Bunker Feldstraße, in dem Hajusom probt, zu finden. Wir lachen über den Blödsinn, den wir dabei machen und kommen ins Gespräch. Es stellt sich heraus, dass A. und F. Freunde sind und beim nächsten Sonntagskaffee sind dann beide bei uns zu Besuch. Ach ja und in der Woche davor waren wir zu viert bei einem Konzert in einem Stadtteil-Kulturzentrum.

April 2016. Eine WhatsApp-Nachricht von F. erschüttert uns: Sein Asyl-Antrag wurde abgelehnt. Er soll freiwillig innerhalb von 30 Tagen nach Afghanistan ausreisen. Mein Mann und ich fahren zu seiner Wohnung und versuchen ihm beizustehen. Er, bzw. sein Anwalt, wird sofort Widerspruch einreichen. F. ist schon wieder etwas ruhiger, als er uns davon erzählt. Er hat wieder Hoffnung, nachdem er von dieser, wohl „normalen“ Asyl-Vorgehensweise erfuhr. Normal scheint zu sein: Erst zwei Jahre zu warten, dann wird der Asylantrag abgelehnt, dann wird sofort Widerspruch einlegen, um weiter zu warten. Warten, hoffen, verdrängen und weitermachen. Wir versuchen F. Zuversicht zu geben und ich schreibe für ihn und für seinen Anwalt einen Brief: „F. der Freund unserer Familie“.

Beim ihm zu Besuch ist ein weiterer jugendlicher Freund aus Afghanistan, der uns fragt: „Entschuldigung, ich würde gerne Ihre Lebenserfahrung nutzen. Wie findet man hier in Deutschland eine Ausbildung?“ Diese Frage war der Beginn einer weiteren Bekanntschaft mit einem jungen Afghanen, den wir jetzt begleiten.

Mai 2016. Ich habe endlich eine Form gefunden das Thema Flucht umzusetzen. Nicht schreibend, sondern bildnerisch konnte ich re-agieren: >gezeichnet – zu Fuß aus Afghanistan< entsteht (s.o.). Schreiben geht immer noch nicht.

Plötzlich gibt es unzählige Fragen „meiner“ Jungs, deren Antworten viel Zeit beanspruchen: Wie findet ein jugendlicher Flüchtling mit einer Art Hauptschulabschluss eine Ausbildung? Was gibt es überhaupt für Berufe mit diesem Schulabschluss? Kann ein Flüchtling, über 18, weiter zur Schule gehen und einen Realschulabschluss machen? Viele Fragen. Sehr viele. Und auf jede Frage gibt es viele Antworten. Ein Antworten-Bingo. Wie soll das jemand durchschauen, der Deutsch nicht als Muttersprache spricht? Selbst ich als Deutsche, verstehe so Vieles nicht. Und die sogenannten „Zuständigen“ widersprechen sich in ihren Aussagen permanent. Hilfe.

Juli 2016. Ich schreibe wieder… neben einem tauglichen Lebenslauf, Bewerbungen für Praktika mit einem „meiner“ Jungs zusammen. Und ein neues Theaterstück, in das sich – seltsamerweise – das Thema Flucht eingeschlichen hat…

Text und Kunstwerk: Tilla Lingenberg // Foto: Brigitte Markuse

Auf fremden Pfaden

Malin hat ein ähnliches Ziel wie wir bei myvoice-project: Sie möchte eine Öffentlichkeit für Geflüchtete schaffen. Deshalb führt sie einen Blog, auf dem sie Geschichten von Flucht und Vertreibung erzählt. Sie sagt:

auffremdenpfaden – Ein Blog für mehr Akzeptanz ist ein Blog, der sich mit den Lebens- und Fluchtgeschichten Geflüchteter auseinandersetzt. Er dient ihnen als Plattform, damit sie ihre ganz persönlichen Geschichten erzählen können. Euch erwarten Erzählungen und Berichte über das Leben in ihren Heimatländern, die dortige politische Lage, Flucht, Gefangenschaft, Folter, der Angst, alles zu verlieren und der Hoffnung, dem ganzen Wahnsinn zu entkommen und an einem friedlichen Ort ein ganz normales Leben führen zu können. Ziel dieses Projektes ist es, mehr über die Geflüchteten zu erfahren, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und so viele Menschen wie möglich an diesem Dialog teilhaben zu lassen. Es gibt zahlreiche Leute, die Vorurteile gegen Flüchtlinge haben, andere haben Angst und sehen Flüchtlinge nur als eine große Masse, von der Europa überrannt wird. Daher möchte ich Geflüchteten eine Stimme geben und somit darauf aufmerksam machen, dass auch sie Menschen wie du und ich sind, von denen jeder seine eigene Geschichte zu erzählen hat.“

Malin veröffentlichte zum Beispiel die Geschichte von Alaa, einem Künstler aus Syrien:

Alaa Aldin Alhassoun ist Künstler, 31 Jahre alt und kommt aus Aleppo, Syrien.
Am Fathi Mhd Institut für Kunst studierte er Skulptur und Zeichnen und machte anschließend seinen Abschluss an der Universität in Damaskus in Kunstwissenschaften mit dem Schwerpunkt Zeichnen. Dank eines Stipendiums, welches er von der syrischen Regierung bekam, hatte er Ende 2011 die Möglichkeit, ein Studium mit dem Schwerpunkt Kunstkritik an der Kunstakademie in Kairo zu beginnen. Weiterlesen

Wir finden, ein Besuch des Blogs lohnt sich, weil der unverfälschte Einblicke in Flucht und Fluchtursachen gibt. Die Texte sind lang, doch nur so werden sie den Lebensgeschichten und ihren verschlungenen Wegen gerecht. Schön, dass jemand sich dieser Geschichten annimmt!

Text: Malin Günther // Bild: Alaa