Teil 15: Ankommen

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Berlin. Deutschland. Als ich in der Wohnung meines Bruders nach dem Abend unseres Wiedersehens aufwache, bin ich mir sicher. Ich werde nach Hamburg fahren und mich dort melden, meinen Asylantrag stellen. Am Abend nehme ich einen Bus nach Hamburg. Ich komme am Busbahnhof an und suche erst mal nach einer Polizeistation. Ich laufe den Steindamm entlang. Es ist viel los hier auf der Straße. Nach einer halben Stunde finde ich eine Polizeistation. Die Polizisten sind sehr nett und ich kann mit ihnen auf Englisch sprechen. Ich muss meinen Pass vorzeigen und es wird ein Foto von mir gemacht. Dann telefoniert der Polizist. Am Ende gab er mir Papiere mit der Adresse einer Erstaufnahmeeinrichtung in Harburg und sagte, ich sollte mich in den nächsten 24 Stunden dort melden. Ich fahre dorthin und gehe schlafen.

Am nächsten Morgen werde ich zu meiner Flucht befragt und dann einer Unterkunft in Wilhelmsburg zugeteilt. Es ist Dezember. Dort bleibe ich die nächsten acht Monate.

Ich bin mit drei anderen Personen in einem kleinen Raum. Es gibt für jeden einen kleinen Schrank und ein Bett. In der Kantine gibt es drei Mal pro Tag etwas zu essen. Wir kriegen ein Taschengeld von 133 Euro pro Monat. Ich spreche nur Englisch. Nach ein paar Monaten schließe ich einen Pakt mit mir selbst. Ich werde nur noch Deutsch reden. Kein Wort Englisch. Wenn ich ein Wort nicht kenne, versuche ich es mir zu merken, mir vorzustellen, wie man es schreibt und dann gucke ich später im Internet nach, was es bedeutet.

Ende Dezember kann ich mit einem kleinen Deutschkurs beginnen, der von Ehrenamtlichen in Wilhelmsburg organisiert wird. Außerdem hole ich mir eine Karte für die Zentralbibliothek, wo das Programm „Dialog in Deutsch“ angeboten wird.

Im Januar habe ich mein erstes Gespräch beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Bald erhalte ich eine Aufenthaltsgestattung für drei Monate.

Im April erhalte ich an einem Freitagabend meinen Ablehnungsbescheid mit Androhung zur Abschiebung nach Ungarn. Die Begründung lautet, dass ich meinen Fingerabdruck in Ungarn abgegeben habe und Ungarn daher für mich zuständig sei. Ich hätte zwei Wochen Zeit, um dagegen zu klagen. Ich suche verzweifelt nach einem Anwalt. Schließlich finde ich einen und mein Bruder hilft mir. Wir erzählen ihm meine ganze Geschichte und betonen dabei vor allem, wie schlecht ich in Ungarn im Gefängnis behandelt worden war. Wir klagen. Ich warte ein ganzes Jahr auf eine Entscheidung.

Im Juli muss ich in die Unterkunft in Bergedorf wechseln. Dort bleibe ich die nächsten sieben Monate.

Im August darf ich endlich mit dem offiziellen Integrationskurs beginnen, den ich später mit B1-2 abschließe.

Im Februar des nächsten Jahres ziehe ich um in die Flüchtlingsunterkunft Grüner Deich im Stadtteil Hammerbrook.

Bei den Tandem-Treffen des Projekts Insel Hilft e.V. in Wilhelmsburg habe ich in den vergangenen Monaten viele Leute kennengelernt. Man macht mich mit der Uni bekannt, ich beginne über meine Zukunft in Hamburg nachzudenken. In einem Kulturzentrum werden Treffen für Menschen verschiedener Nationalitäten veranstaltet. Dort lerne ich eine Hamburgerin kennen, die in der Künstlerszene aktiv ist und ein großes Netzwerk hat. Sie schickt eine Rundmail an 400 Leute in Hamburg, in der sie von mir erzählt und dass ich eine Familie suche, bei der ich leben kann, bis ich mit einem Studium oder einem Job beginnen kann.

Ich treffe mich mit zwei verschiedenen Familien, die mich kennenlernen wollen. Die eine Familie gefällt mir sehr gut und ich entscheide mich dafür, mit ihnen zusammen zu leben.

Im März wird mir endlich Asyl für die nächsten drei Jahre zugesichert. Ich ziehe bei der Hamburger Familie ein.

Im Oktober bietet uns Insel Hilft e.V. an, mit Studierenden der Uni Hamburg zusammen an einer Schreibwerkstatt teilzunehmen. Von Oktober bis Januar treffe ich mich immer wieder mit meiner Schreibpartnerin und erzähle ihr von meiner Geschichte. Der Geschichte, die ihr hier gelesen habt.

Bild von amdolu via Flickr unter CC BY-NC 2.0 Lizenz: https://www.flickr.com/photos/23267638@N06/23587330314