Teil 14: Wiedersehen

München, Deutschland. Am Bahnhof in München sind sehr viele Polizisten. Die Sonne scheint. Schnell setzen wir uns in ein Café. Wir schaffen es, unbemerkt zu bleiben.

Ich freue mich, endlich in Deutschland zu sein. Doch ich möchte nicht in München bleiben. Nicht in Süddeutschland bleiben. Ich möchte näher zu meinen Brüdern und außerdem habe ich gehört, dass die Asylanträge im Süden länger dauern, weil so viele Geflüchtete hier ankommen.

Weil der Schlepper in Wien uns betrogen hat, habe ich keinen Cent mehr und auch kein Internet, um mich bei meinem Bruder zu melden. Da fallen mir die 1500 ungarischen Forint ein, die ich in dem McDonalds als Rückgeld bekommen habe. Ich gehe zum Money Exchange im Bahnhof, die anderen warten im Café. Ich kriege für meine 1500 ungarischen Forint 4 Euro. Jetzt kann ich immerhin meinen Bruder vom Münztelefon aus anrufen. Er sagt mir, dass er nichts machen kann, weil die Banken am Sonntag geschlossen sind, sonst würde er mir sofort was überweisen. Niedergeschlagen gehe ich zurück ins Café.

Die anderen sind weg. Einfach weg.

Aber irgendwie auch egal, denk ich mir.

In einer Straße nahe dem Hauptbahnhof finde ich einen Laden, in dem ich für 30 Minuten kostenlos das WiFi nutzen kann. Ich nutze Viber, um meinen Bruder anzurufen. Mein Bruder hat eine Idee. Er kauft mir online ein Flixbus Ticket nach Berlin auf meinen Namen und schickt es mir per Skype Nachricht. Ich installiere die Flixbus App, über die ich mein Ticket vorzeigen kann. Es ist 8 Uhr. Um 9:30 fährt mein Bus.

Gegen 18 Uhr fährt der Bus nach Berlin rein. Wir fahren durch die Straßen der beleuchteten Stadt, in der zwei meiner Brüder leben. Da war ich wochenlang unterwegs und nun bin ich endlich in Deutschland, jetzt in Berlin. Habe meinen Zielort erreicht. Irgendwie fühlt sich das unwirklich und zugleich so nüchtern an. Es ist keine Euphorie da, eigentlich nur sowas wie Leichtigkeit. Zum ersten Mal seit Wochen so etwas wie ein Anflug von Leichtigkeit.

Mein einer Bruder erwartet mich am Busbahnhof. Wir umarmen uns für eine kleine Ewigkeit.

In der Wohnung meines Bruders angekommen, essen wir und reden. Mein anderer Bruder kommt auch vorbei. Meine Brüder wollen, dass ich bei ihnen bleibe, aber sie geben auch zu, dass das Asylverfahren in Berlin etwas länger dauert. Ich will nichts riskieren. Ich will mich sofort melden und so bald wie möglich legal hier sein. Im Internet empfehlen viele Hamburg. „Schlaf eine Nacht drüber“, sagt mein älterer Bruder.

Als ich schlafen gehe, habe ich die Entscheidung eigentlich schon getroffen.

Die nächste Episode von Omars Geschichte erscheint am 15.11.2017.

Bild von Andreas Schalk via Flickr unter CC BY 2.0 Lizenz: https://www.flickr.com/photos/schalkfoto/21403893922/