Teil 13: Der Kontrolleur

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Wien, Österreich. Mit anderen Flüchtenden hatten wir eine Dreiviertelstunde am Bahnhof auf unseren Schlepper gewartet, der versprochen hatte, uns Tickets nach München zu holen. Er war nicht zurück gekommen und mit unserem Geld in seinen Taschen abgehauen… Schließlich ging ich zum Fahrkarten-Automaten, um zu sehen wie viel eine Fahrt nach München kostete. Die anderen warteten in der Nähe. Mindestens 80 Euro. Alles zu teuer für mich. Als ich so da stand und darüber nachdachte, was ich tun könnte, tippte mir jemand auf die Schulter. Ich drehte mich um. Es war ein uniformierter Mann. So kurz vor dem Ziel, das durfte doch nicht wahr sein! „Woher kommen Sie?“ Ohne auch nur eine Sekunde zu überlegen antwortete ich fast reflexartig: „Ich komme aus Berlin.“ – „Da hinten ist ein Reisebüro, da können Sie hin, wenn Sie mit dem Automaten nicht zurechtkommen.“

Ich konzentrierte mich darauf, die Fassung zu bewahren. Er hat mir geglaubt. Wir wurden nicht erwischt.

Die anderen aus der Gruppe hatten alle noch genug Geld dabei. Einer von ihnen lieh mir 30 Euro, sodass auch ich mir ein Ticket nach München kaufen konnte. Wir mussten noch nicht einmal lange auf den nächsten Zug warten.

Im Zug waren wir alle sehr angespannt. In Salzburg hielt der Zug für zwei Stunden. Wir wussten nicht was los war. Es gab eine Durchsage, aber niemand verstand sie. Angst breitete sich aus. Das waren unglaublich lange zwei Stunden. Mir liefen unaufhaltsam Bilder durch den Kopf. Ich stellte mir vor, wie ein Kontrolleur den Zug betrat und die Papiere aller kontrollierte. Mit jedem Schritt seiner schweren Stiefel, die sich mir näherten, schien Deutschland sich ein Stück von mir zu entfernen. Ich hatte, Angst, meine Brüder nicht sehen zu können, obwohl ich Deutschland schon so nah war. Dass ich in Österreich würde bleiben müssen oder nach Ungarn zurückgeschickt würde. Irgendwann waren diese qualvollen zwei Stunden vorbei. Der Zug fuhr an. Mir fiel ein Stein vom Herzen.

Um 7 Uhr morgens kamen wir am Münchener Hauptbahnhof an.

Die nächste Episode von Omars Geschichte erscheint am 11.11.2017.

Bild von beta.robot via Flickr unter CC BY 2.0 Lizenz: https://www.flickr.com/photos/beta-robot/11502258564/