Teil 12: Der hilfsbereite Schlepper

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Flüchtlingscamp, Ungarn. Mir war in der Nacht im Camp, in das ich gehen musste, weil Budapest überfüllt gewesen war und ich nicht weiter gewusst hatte, mein ganzes Geld gestohlen worden. Beim Frühstück beriet ich mich mit anderen Flüchtenden. Es gab einen kostenlosen Bus zum nächsten größeren Ort. Den nahm ich und dann rief ich meinen Bruder an und erzählte ihm, was passiert war. Das mein gesamtes verbliebenes Geld geklaut worden war. Er überwies mir Geld über Western Union.

Ich lief im Ort umher und wurde irgendwann von einem marokkanischen Schlepper angesprochen. Er sagte, er könne mich für 100 Euro bis nach Wien bringen und ich müsse ihn auch erst in Wien bezahlen. Das hörte sich für mich gut an, schließlich würde es etwas dauern bis ich das Geld bei Western Union abholen könnte. Außerdem hörte sich das sicher an. So konnte ich erst bezahlen, nachdem der Schlepper seine Aufgabe erfüllt hatte.

Mit zehn weiteren Personen fuhren wir mit dem Zug bis nach Hegyeshalom, einen ungarischen Ort kurz vor der österreichischen Grenze. Dort stiegen wir mitten in der Nacht aus und gingen ungefähr drei Stunden den Gleis entlang. Wir überquerten die Grenze unbemerkt und konnten am frühen Morgen in einem österreichischen Dorf einen Zug nach Wien nehmen. Es gab keinerlei Kontrollen. Wir kamen noch morgens in Wien an. Ich war unglaublich erleichtert. Ich holte das Geld bei der Western Union am Bahnhof schnell ab. Der Schlepper hatte seinen Dienst getan und nahm seine Bezahlung entgegen. Er bot an, für uns alle zum Ticketschalter zu gehen und uns die Zugtickets nach München zu besorgen. Da keiner von uns gut Deutsch konnte und nicht auffallen wollte, waren wir froh über das Angebot und willigten ein. Der Mann hatte unser Vertrauen definitiv gewonnen. Er sammelte von jedem von uns 200 Euro ein. Ich hatte dann noch 50 Euro übrig. Das würde für eine Fahrt von München nach Berlin reichen. Der Schlepper machte sich auf den Weg zum Schalter, welcher außerhalb unserer Sichtweite war. Wir warteten. Und warteten. Die ersten wurden nervös. Was, wenn er abgehauen war? Mit jeder Minute wurden die Zweifel größer. Manche Männer begannen sich umzuschauen und nach ihm zu suchen. Wir warteten lange. 30, 45 Minuten. Er kam nicht zurück. Er hatte uns betrogen.

Die nächste Episode von Omars Geschichte erscheint am 08.11.2017.

Bild von Edgars via Flickr unter CC BY 2.0 Lizenz: https://www.flickr.com/photos/edgarsj/8542811326/