Teil 11: Geld weg

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Szeged, Ungarn. Ich verließ das Gefängnis, in dem ich eine Woche festgehalten worden war, und ging zum Bahnhof von Szeged. Ich würde meinen Plan, nach Deutschland zu gelangen, weiter verfolgen und zunächst nach Budapest fahren. Die Adresse des Flüchtlingscamps nahe der slowakischen Grenze, die mir die Polizisten im Gefängnis gegeben hatten, behielt ich nur für den Notfall. Bis 7 Uhr morgens fuhren keine Züge. Nur ein McDonalds hatte geöffnet. Dort wärmte ich mich auf und kontaktierte meinen Bruder, er solle mir Geld überweisen.

Mit drei anderen Männern aus dem Gefängnis nahm ich schließlich den ersten Zug nach Budapest. Auch sie wollten nicht in Ungarn bleiben. Als wir gegen 10 Uhr in Budapest ankamen, gingen wir zu einem arabischen Restaurant, welches als Treffpunkt für Schlepper und Flüchtende bekannt war. Wir aßen dort und warteten darauf, mit anderen ins Gespräch zu kommen, angesprochen zu werden. Doch nichts geschah. Vielleicht war es zu früh.

Nach dem Essen ging ich raus auf die Straße. Ich hielt Taxis an, benutzte das wenige deutsch, was ich aus dem Kurs in Syrien mitgebracht hatte, und gab mich als Deutscher aus, in der Hoffnung, jemand würde mich oder uns dann mitnehmen. Die Taxifahrer waren vorbereitet und wollten meine Dokumente sehen.

Ich wusste nicht wie es weitergehen sollte. Es war schwierig ein Hotel zu finden. Die ganze Stadt war überfüllt. Mein Bruder riet mir, nicht gleich nach einer direkten Verbindung nach Österreich oder Deutschland zu gucken, sondern der österreichischen Grenze zunächst näher zu kommen und dann mit einem Bus oder Taxi nach Österreich zu fahren. Ich nahm also am selben Tag noch einen Zug nach Gyor. Dort kaufte ich mir für 100 Euro ein Zugticket nach München. Zwei Stunden wartete ich am Bahnhof auf meinen Zug nach Deutschland. Als der Zug um 23 Uhr in den Bahnhof einfuhr, tauchten plötzlich Polizisten auf. Alle Menschen auf dem Bahnsteig wurden kontrolliert. Ausnahmslos alle. Sie sahen sich meine Papiere an und verbaten mir, in den Zug zu steigen. Sie gingen nicht so schnell weg. Erst als der Zug abgefahren war, zogen sie wieder ab.

Ich war am Boden zerstört. Ich wusste nicht, wohin. Und ich war sehr müde nach drei Tagen ohne Schlaf. Da fiel mir die Adresse der Flüchtlingsunterkunft wieder ein. Ich wollte da nicht hin, aber ich hatte keine großen Alternativen für die Nacht. Ein Taxi brachte mich dorthin.

Mir wurde eine Matratze in einer riesigen Halle zugewiesen. Alle waren in diesem einen großen Raum. Jetzt war alles egal. Ich legte mich hin und schlief sofort ein.

Als ich aufwachte, prüfte ich wie immer, ob ich noch alles bei mir hatte. Mein Pass, mein Handy, das Geld. Ich griff in meine Hosentasche… Mein ganzes Geld war weg! 300 Euro!

Auf der Überwachungskamera war nichts zu sehen. Mein Schlafplatz war weit entfernt von der Kamera und meine Matratze verdeckt von anderen schlafenden Menschen.

Die nächste Episode von Omars Geschichte erscheint am 04.11.2017.

Bild von -Mandie- via Flickr unter CC BY NC ND 2.0 Lizenz: https://www.flickr.com/photos/captivated/117197485/