Teil 10: Wurstbrot

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Belgrad, Serbien. Als ich mit dem Bus, in den ich auf der Autobahn eingestiegen war, in Belgrad ankam, ging ich zur Polizei, um mich für eine Aufenthaltserlaubnis zu melden. Das hatte ich mir gut überlegt. Serbien gehört nicht zur EU, ich könnte also weiterreisen. Ich erhielt eine kurzfristige Aufenthaltsgenehmigung für 48 Stunden, in denen ich Zeit hatte zu dem Flüchtlingscamp zu gelangen, von dem sie mir eine Adresse mitgaben. Ich ging stattdessen in ein Hostel und begann meine Planung. Ich kontaktierte die Brüder, die ich bei meinem dritten Versuch Griechenland zu verlassen hinter der mazedonischen Grenze am Busbahnhof verloren hatte. Sie waren auch in Belgrad. Wir trafen uns und sie berichteten mir von ihrem Plan einen Schlepper zu bezahlen, um nach Deutschland zu gelangen. Ein Schlepper für den Rest des Weges bis nach Deutschland war zu teuer für mich. 4500 Euro sollte es kosten! Deswegen entschied ich mich dazu, erstmal zu Fuß weiter zu reisen. Ich wusste, dass ich mich am Besten nicht in Ungarn erwischen lassen durfte. Sonst würde ich dort meinen Fingerabdruck abgeben müssen und dann würde mein Asylverfahren in Deutschland sehr viel länger dauern oder ich würde möglicherweise sogar abgelehnt und nach Ungarn zurückgeschickt werden.

Mit zwei anderen Männern nahm ich ein Taxi nach Subotica, einem Ort nahe der ungarischen Grenze. Nahe Subotica wurden wir von der Polizei angehalten. Unsere 48 Stunden-Erlaubnis war nicht mehr gültig. Für jeweils 70 Euro konnten wir die Polizisten dazu bringen, uns weiterfahren zu lassen. Bei Subotica mussten wir aussteigen und weiter zu Fuß gehen.

Nachts überquerten wir die Grenze. Gegen 5 Uhr morgens waren wir schon ein Stück über die Grenze hinausgekommen. Wir zogen uns saubere Sachen an.  Wir sahen Schilder nach Szeged, wo wir einen Bus nehmen wollten. Wir waren sehr erschöpft und müde, weil wir die ganze Nacht über gelaufen waren. Daher wollten wir ein Taxi nach Szeged nehmen. Uns wurde gesagt, dass wir an einer Tankstelle ein Taxi nehmen könnten. Wir waren auf einem kleinen Weg, der uns auf die Autobahn führen würde, doch wir sahen, dass am Ende des kleinen Weges ein Polizeiwagen stand. Also gingen wir den kleinen Weg schnell zurück bis zur letzten Gabelung und schlugen einen anderen Weg ein, der uns über einen Umweg nach Szeged führen würde. Doch nach einer halben Stunde kam uns ein weiterer Polizeiwagen entgegen. Er war schon zum Teil gefüllt mit anderen Flüchtenden. Es war wohl ein Großeinsatz. Das was nicht passieren durfte, war passiert. Ich wurde in Ungarn erwischt.

Außer uns wurden noch viele andere verhaftet. Wir mussten in einen Polizeiwagen einsteigen und wurden zu einem kleinen Gefängnis gebracht. Die Polizisten behandelten uns wie den letzten Dreck. Es gab keine Betten. Wir mussten auf dem harten und kalten Betonboden schlafen. Zum Essen bekamen wir Wurstbrot aus Schweinefleisch. Einmal am Tag durfte man in Begleitung eines Wachmannes auf Klo gehen. Nach drei Tagen wurde ich gefragt, ob ich meinen Fingerabdruck abgeben wolle. Dann könnte ich in Ungarn bleiben. Wenn ich das nicht täte, würde ich weitere zehn Tage eingesperrt sein und dann nach Griechenland abgeschoben werden. Ich musste darauf hoffen, dass ich wenn ich in Deutschland ankäme, trotz Fingerabdruck in Ungarn, dort Asyl bekommen würde.

Nach drei weiteren Tagen konnte ich meinen Fingerabdruck abgeben. Viele meiner Mitgefangenen versuchten verzweifelt ihren Fingerabdruck mit Klebstoff und anderen Methoden zu manipulieren, doch es half nichts. Wir mussten vorher unsere Hände waschen.

Kurz nach Mitternacht wurde ich freigelassen. Ich bekam die Adresse einer Flüchtlingsunterkunft nahe der slowakischen Grenze und ein Zugticket, um dort hin zu kommen.

Die nächste Episode von Omars Geschichte erscheint am 01.11.2017.

 

Bild von disastrous via Flickr unter CC BY NC ND 2.0 Lizenz: https://www.flickr.com/photos/bienaventurada/2912658697/