Teil 9: Das Haus des Schleppers

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Vaksince, Mazedonien. In dem Haus des Schleppers, nahe der serbischen Grenze, kamen an einem der Tage unseres Aufenthalts dort zwei halbnackte Männer an, die von Kumanovo alleine ohne Schlepper hergekommen waren. Sie wurden ausgeraubt und trugen nur noch Unterwäsche. Wir durften während der fünf oder sechs Tage das Haus kein einziges Mal verlassen. Es gab Männer, die für uns einkaufen gingen und uns auch Sim-Karten mitbrachten. Es wurden Einkaufslisten geschrieben und Geld eingesammelt.

Es war frustrierend fast eine Woche nur rumzuhängen und zu warten, aber ich merkte auch, wie nötig ich es hatte. Meinem Körper tat diese Pause gut und es gab mir Zeit, zu planen. Ich würde dem Schlepper 450 Euro dafür bezahlen, dass er mich über die mazedonisch-serbische Grenze bis nach Presevo in Serbien brächte. Der mutig aussehende Mann, der spontan entschieden hatte, mich doch nicht alleine gehen zu lassen und mit mir vom Hara Hotel bis hier her gekommen war, würde mich nicht länger begleiten.

Die Gruppe bestand aus ungefähr 50 Personen und wurde von drei Männern des Schleppers geleitet. Als wir aufbrachen waren es mehrere Grad unter null. Die wahrscheinlich kälteste Etappe. Ich zog drei Hosen übereinander an und hatte mir Trekkingstiefel besorgt. Nach einer kurzen Strecke zu Fuß wartete ein Traktor auf uns und wir wurden aufgefordert für die Traktorfahrt 15 Euro zu zahlen oder zu Fuß zu gehen. Es machte mich wütend, dass uns das nicht gesagt worden war, aber ich hatte noch Geld und es war zu kalt, freiwillig zu Fuß zu gehen. Nach einer wackeligen, etwa 45-minütigen Fahrt mussten wir wieder laufen.

Vor uns erstreckte sich ein Gebirge. Wir mussten klettern. Ich hielt mich an Pflanzen fest, konzentrierte mich auf jeden Schritt und jeden Griff. Jeder dachte nur noch an sich selbst. Ich versuchte den Gedanken auszublenden, dass ich stürzen könnte. Irgendwann kam ein Fluss. Das Wasser war eisig kalt. Wir überquerten den strömenden Fluss an Stellen, wo Steine herausragten. Trotzdem standen wir hüfthoch im Wasser. Auf der anderen Seite des Flusses trafen wir eine andere Gruppe. Alle standen sie da im Kreis. In der Mitte saß ein Mann, dem es nicht gut zu gehen schien. Uns wurde erzählt, dass er Diabetiker sei und seine Medizin nicht dabei habe. Einer aus unserer Gruppe hatte Zuckerwürfel dabei, die er dem Mann gab. Ich glaube, es ging dem Mann dann gleich etwas besser, aber wir wissen nicht, was später mit ihm geschah. Wir gingen bald weiter.

Als wir bei unserem Zwischenstopp ankamen, einem Zeltlager nahe der serbischen Grenze, wo uns ein Auto abholen und nach Presevo bringen sollte, wurde uns gesagt, dass der Wagen von Polizisten entdeckt worden war. Da das Zeltlager schon voll war, konnten wir nicht dort unterkommen und auf ein nächstes Auto warten, sondern mussten weiter laufen. Langsam war ich überzeugt davon, dass die versprochenen Autos des Schleppers alle bloß Lügen waren, um mehr Flüchtende zu locken und zu überzeugen, mit ihm zu gehen.

Gegen 4 Uhr morgens, wurde uns gesagt, es sei nicht mehr weit bis zur Grenze. Die Gruppe löste sich etwas auf, um weniger aufzufallen. Wir, ein anderer Mann und ich, schafften es tatsächlich bald, die Grenze zu überqueren. Ich hatte nun endlich Serbien erreicht und war somit ein Schritt weiter als je zuvor. Auf der serbischen Seite wollten wir einen Bus nach Presevo nehmen, doch die Busstation war so mit Flüchtenden überladen, dass wir uns erst einmal in einer Moschee versteckten und aufwärmten. Schließlich entschieden wir uns, ein Taxi zu nehmen. Zunächst waren alle Angebote zu teuer. Ich hatte nur noch 150 Euro dabei, die bis Belgrad reichen mussten. Es kamen mehr und mehr Leute bei der Busstation und der Moschee an. Es war viel Polizei unterwegs und es stellte sich heraus, dass es in nächster Zeit gar keinen Bus Richtung Belgrad geben würde.

Nach zwei Stunden fand ich endlich ein Taxi, das mich für 100 Euro bis zu einem Dorf kurz vor Presevo bringen würde. Von dort aus hoffte ich darauf, einen günstigen Bus nach Belgrad erwischen zu können. Der Taxifahrer befahl mir, dass ich mich hinten auf die Rückbank legen sollte, um nicht entdeckt zu werden. Außerdem wollte er sofort mein Geld haben. Er drohte damit, mich sonst bei der Polizei zu melden. Mir blieb nichts anderes übrig. Er raste los. Nach nur 15 Minuten durfte ich mich aufsetzen und der Taxifahrer sagte, wir seien kurz vor der Busstation von Presevo. Ich wurde abgesetzt. Ich schaltete mein GPS an und stellte entsetzt fest, dass der Taxifahrer mich betrogen hatte. Mein Handy zeigte mir an, dass ich mich erst in der Nähe von Cakanovak befand, noch weit von Presevo entfernt.

Ich würde also laufen müssen. Ich ging entlang der Autobahn Richtung Presevo. Nach einer halben Stunde näherte sich hinter mir ein Bus an, auf dem in Leuchtschrift vorne „Belgrad“ drauf stand. Ich streckte sofort meinen Daumen aus, begann zu winken. Der Bus fuhr auf den Seitenstreifen und hielt an. Ich durfte einsteigen. Die Fahrt kostete mich 20 Euro. Ich hatte noch 30 Euro übrig und würde in acht Stunden in Belgrad ankommen. Ich ließ mich auf den komfortablen Sitz des Fernbusses fallen und musste grinsen. Alles würde gut werden, dachte ich in dem Moment. Ich loggte mich im WiFi des Busses ein und schrieb meinem Bruder nach langer Zeit wieder eine Nachricht.

Um 16 Uhr kam ich in Belgrad an. Ich war für den Tag der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt.

Die nächste Episode von Omars Geschichte erscheint am 28.10.2017.

Bild von Annie Spratt via unsplash unter CC 0 Lizenz: https://unsplash.com/photos/tG822f1XzT4