Teil 8: Hara Hotel

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Evzoni, Griechenland.  Nachdem ich in Gevgelija, Mazedonien an der Busstation von der Polizei erwischt worden war, war ich zurück ins Hara Hotel gekehrt. Am selben Abend begegnete ich einem mutig aussehenden Mann aus Palästina. Mit zwei anderen Männern vereinbarten wir am nächsten Morgen aufzubrechen. Alle waren zwischen 20 und 30 Jahre alt. Trotz den drei Rückwürfen war ich optimistisch. Immerhin war ich diesmal nicht ganz nach Athen zurück geworfen worden, sondern immer noch Nahe der griechisch-mazedonischen Grenze.

Die Sonne ging auf und wir machten uns auf den Weg. Die drei Männer wollten entlang der Autobahn Richtung Norden gehen, weil ihre Schuhe kaputt waren und sie daher nicht bereit waren auf unbefestigten Wegen oder entlang des Bahngleises zu gehen. Ich machte schweren Herzens den Kompromiss. Schließlich hatte ich kaum eine andere Wahl. Alleine wäre ich nichts.

Kurz vor der Grenze kam es wie es kommen musste. Wir wurden von der griechischen Polizei festgenommen und befragt. Es wurden uns die Pässe weggenommen. Wir wurden sechs Stunden festgehalten, um am Ende unsere Pässe zurückzubekommen, ausgesetzt zu werden und gesagt zu bekommen, dass wir zurück Richtung Süden gehen sollen. Alle waren frustriert und entmutigt. Sie wollten tatsächlich wieder zurück nach Athen und es dann mit einem Schlepper versuchen!

Wir waren so kurz davor, die Grenze zu übertreten. Wie konnten die daran denken, wieder zurück zu gehen? Es war mein vierter Anlauf seit ich nach Athen gekommen war, Griechenland zu verlassen. Ich hatte genug. Ich traf eine Entscheidung. Es gab keine Zweifel. Laut GPS sollte es zu Fuß bis nach Gevgelija in Mazedonien nur noch eine Stunde dauern. Dieser Rückschlag ließ mich noch entschlossener werden. „Ich gehe weiter Richtung Grenze. Auch alleine. Wer mitkommen will, kann mitkommen, aber ich gehe so oder so.“ Alle drei Männer schüttelten ihre gesenkten Köpfe. Ich hatte mich schon darauf eingestellt. Ich drehte mich um, sie drehten sich um, und wir gingen in die entgegengesetzten Richtungen.

Nach ein paar Metern hörte ich jemanden meinen Namen rufen. Ich drehte mich um. Es war der mutig aussehende Mann. „Ich komme doch mit.“

Wir überquerten wie bei meinem letzten Versuch die Brücke und gingen dann die Gleise entlang. Wir überquerten die Grenze und erreichten Gevgelija. Dort kauften wir zwei Tickets nach Strumica. In Strumica angekommen nahmen wir sofort einen weiteren Bus nach Skopje, die Hauptstadt von Mazedonien. Ich machte mir Sorgen über Polizeikontrollen, da die Polizei in Skopje aufgrund der hohen Zahl der Flüchtenden, sehr aufmerksam und alarmiert war.

Daher nahmen wir in Skopje gleich den nächsten Bus nach Kumanovo, wo wir dann am Abend ankamen. Kumanovo erwartete uns mit einer klirrenden Kälte und ganz viel Polizei. Ich wiederholte innerlich: Wir dürfen nicht erwischt werden. Wenn wir hier erwischt werden, werden wir zurück nach Griechenland geschickt, und das wo wir schon so nah an der serbischen Grenze sind. Wir versuchten ein Taxi zu nehmen, um nach Lojane, direkt an die Grenze, zu fahren. Doch niemand wollte uns mitnehmen. Sie hatten alle Angst vor Kontrollen. Sahen uns an, wer wir waren. Ich war ratlos und nervös. Ich rief meinen Bruder an, doch der wusste auch keinen Rat. Wir fragten in einer Facebookgruppe nach Tipps. Man warnte uns vor Räubern auf der Strecke Kumanovo-Lojane und riet uns davon ab, zu Fuß zu gehen. Man empfahl uns einen Schlepper. Wir beschlossen, den Schlepper zu kontaktieren. Er sagte, er würde uns eine Person dahin schicken, wo wir grad waren. Diese würde uns dann abholen und zu einem Auto bringen, welches uns fahren würde.

Wir warteten eine gefühlte Ewigkeit. Irgendwann kam die Person endlich. Wir mussten 150 Euro pro Person zahlen. Der Mann führte uns durch die Natur, weit ab von der Hauptstraße. Das mit dem Auto klappte nicht. Der Mann sprach von Schwierigkeiten, wir müssen weiter zu Fuß gehen. Ich war genervt, aber trotzdem froh, dass wir wenigstens nicht ganz allein waren. Mitten in der Nacht kamen wir schließlich in Vaksince an, wo der Schlepper ein großes Haus betrieb, in dem die Flüchtenden auf dem Weg zur Grenze eine Pause machen und übernachten konnten. Das Gelände war von vielen Männern bewacht. Wir bekamen ein warmes Essen und fielen dann ins Bett.

Es war eine unruhige Nacht. Ich konnte nicht aufhören, nachzudenken. Ich machte mir große Sorgen. Wie würde es weitergehen? Obwohl es voran ging, verließ mich langsam der Mut. Was, wenn ich bald wieder erwischt würde und mich morgen wieder in Griechenland wiederfände?

Wir verbrachten eine knappe Woche in dem Haus.

Die nächste Episode von Omars Geschichte erscheint am 25.10.2017.

Bild von Ramon Boersbroek via Flickr unter CC BY NC 2.0 Lizenz: https://www.flickr.com/photos/ramonboersbroek/6738712799/