Teil 7: Zurück in Athen

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Athen, Griechenland. In Mazedonien, zwischen Kosturino und Strumica hatte die Polizei mich entdeckt und ich war nach Athen zurückgekehrt. Zum zweiten Mal fand ich mich ungewollt in dieser Stadt wieder. Statt voranzukommen, wurde ich auch beim zweiten Versuch Griechenland zu verlassen, zurückgeworfen, so als wären die vielen gelaufenen und gefahrenen Kilometer nichts wert. Ich begann wieder zu planen. Diesmal war die Strategie, die bekannteste Route zu nehmen, auch wenn dies ein höheres Risiko barg, erwischt zu werden. Der letzte Fluchtversuch über eine neue, unbekannte Route durch die Natur, ab von befestigten Wegen war zu hart und kraftraubend gewesen. Und letztendlich war ich auch so erwischt worden. Der neue Plan: von Thessaloniki nach Polykastro, dann an Evzoni vorbei, über die Grenze, nach Gevgelija. Ich besorgte neue Kleidung und einen Regenanzug. Nach über einer Woche in Athen war ich soweit. Ich fuhr mit dem Zug nach Thessaloniki, zum dritten Mal schon. Ich sagte mir, dass dies mein Durchgang war, diesmal würde ich weiterkommen. In Thessaloniki lernte ich zwei Brüder kennen, die in etwa so alt waren wie ich. Für sie war es der erste Versuch, Griechenland zu verlassen und die Flucht fortzusetzen. Über die Route informierte ich mich bei Männern, die diese Route schon einige Male ausprobiert hatten. Manche von ihnen sogar schon zwölf Mal!

Es ging los. Wir nahmen eine Bus nach Polykastro. Die typische Route. Der Bus war  ausschließlich mit Flüchtenden gefüllt. Der Busfahrer sprach ein wenig arabisch. Das hatte er sich über die letzten Monate, in denen er ständig arabisch-sprechende Flüchtlinge gefahren hatte, angeeignet. Er bot an, uns weiter nach Evzoni zu fahren. Das war praktisch fast direkt vor der Grenze. Ein sehr gutes Stück weiter als Polykastro, viele Kilometer, die wir eigentlich zu Fuß hätten gehen müssten. Es war wie ein Geschenk. Ein gutes Omen, dachte ich. In Evzoni angekommen, brachte er uns zum Hara Hotel, wo wir die Nacht verbrachten.

Am nächsten Morgen gesellten sich zu uns drei weitere junge Männer, die wir im Hotel kennengelernt hatten. So zogen wir zu fünft weiter. Es war ein Mann dabei, der die Strecke schon einmal genommen hatte. Zusammen mit ihm führte ich die Gruppe mithilfe der Navigations-App an. Wir bogen von der Hauptstraße, die auf die Grenze zuführen würde, nach links ab und überquerten die Brücke über den Fluss Vardar und liefen bis zur Zugstrecke. Entlang der Gleise gingen wir wieder weiter nach Norden, durch Idomeni durch (das war zu dem Zeitpunkt meiner Flucht noch unproblematisch, da Idomeni noch nicht so überfüllt war) und überquerten erfolgreich die Grenze. Auf der mazedonischen Seite teilten wir uns auf und wechselten unsere Klamotten, sodass wir etwas besser gekleidet und unauffälliger wirkten. Ich war zu zweit mit einem anderen Mann. Die Brüder mit denen ich in Thessaloniki gestartet war, waren in der anderen Gruppe. In Gevgelija gingen wir einkaufen und aßen etwas. Wir erhielten mazedonisches Wechselgeld, der Kurs war gut. Wir gingen zur Busstation, wo wir die anderen drei Männer sahen. Doch wir taten so, als würden wir uns nicht kennen. Ich kaufte ein Busticket nach Skopje. Ich sah wie die Brüder aus Thessaloniki in einen Bus einstiegen, während ich noch auf meinen Bus nach Skopje wartete. Sie hatten sicherlich Tickets für einen früheren Bus erwischt. Schließlich waren sie schon am Busbahnhof als ich dort ankam. Nach ein paar Minuten, kam mein Bus. Ich wollte gerade einsteigen, da erschien die Polizei. Als wäre es uns auf die Stirn geschrieben, dass wir nicht hierher gehörten, fischten sie mich und andere Flüchtende raus, bevor wir in den Bus steigen konnten. Ich musste meine Papiere zeigen und wurde festgenommen. Sie brachten uns in ein Gefängnis, wo ich zwei Stunden warten musste. Dann wurden wir alle zurück an die griechische Grenze gebracht. Als ich an der Grenze stand, rief ich die Brüder an. Sie waren auf dem Weg nach Strumica. Ich hatte mich geirrt. Sie waren nicht in einen Bus nach Skopje gestiegen. In Strumica wollten sie einen Bus nach Skopje nehmen. Mir wurde klar, dass es dumm gewesen war, direkt nach Skopje fahren zu wollen. Von kurz hinter der griechisch-mazedonischen Grenze einen Bus direkt bis kurz vor die mazedonisch-serbische Grenze zu nehmen war schon sehr verdächtig. Kein Wunder, dass die Polizisten die Fahrgäste, die nach Skopje fahren wollten, nach Flüchtlingen durchsucht hatten.

Zurück im Hotel Hara beschloss ich es den Brüdern bei meinem nächsten Versuch nachzumachen und den Umweg über Strumica zu gehen.

Die nächste Episode von Omars Geschichte erscheint am 21.10.2017.

Bild von Nicolas Vigier via Flickr unter CC 0 1.0 Lizenz: https://www.flickr.com/photos/boklm/4890566014/