Teil 6: Zurückgeworfen

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Dojransee, Mazedonien. Nun war ich erst mal wieder alleine. Mein Fluchtpartner und ich hatten vor kurzem die griechisch-mazedonische Grenze überquert. In einem Café hatte die Frau am Tresen wahrscheinlich die Polizei angerufen. In Panik war ich zügig aus dem Geschäft gegangen. Mein Partner blieb zurück. Ich lief und lief und lief. Entlang der Hauptstraße, rechts von mir der große See. Ich hatte einen unglaublichen Durst. Nach dem Säubern der Wunden war mein Wasser ausgegangen. Bei einem Markt holte ich mir eine 300ml Flasche. Als eine Gabelung kam, entschied ich mich für den Weg Richtung Kosturino. Nach ein paar Minuten nach Einschlagen dieses Weges, erreichte mich eine Nachricht von meinem Partner. Er war von der Polizei erwischt worden. Er versicherte mir, dass er erzählt  hatte, dass er alleine unterwegs war. Mir lief ein Schauer über den Rücken. Mein Instinkt und meine noch verbleibende Energie hatten mich gerettet. Die Frau um Café hatte tatsächlich die Polizei angerufen und diese hatten ihn für mich gehalten. Seine zerstörte Kleidung hatte ihn sicherlich auffälliger gemacht.

Es musste aber weitergehen. Mir tat der Mann leid, aber ich konnte nicht allzu lange darüber nachdenken. Gegen 16 Uhr kam ich in Kosturino an. Ich entschied mich dafür weiter zu Fuß nach Strumica, die nächst größere Stadt zu laufen. Der Weg sollte maximal drei Stunden dauern, laut Navigation. Meine Beine waren sehr müde, ich machte viele Pausen. Um 18 Uhr war ich so müde, dass ich sehr darauf hoffte, von einem Auto oder Taxi für den Rest der Strecke mitgenommen zu werden. Außerdem war es schon dunkel. Als ein Lichtkegel auf mich schien, freute ich mich. Aber dann schien es mir plötzlich seltsam. Ich wurde so sehr geblendet, dass ich nichts sehen konnte. Dann hörte ich Stimmen und Schritte.

Es war die Polizei. Sie hatten mich von einem Checkpoint aus gesehen. Sie nahmen mich mit. Sie konnten kein Englisch und bestellten eine Dolmetscherin. Ich erzählte meine ganze Geschichte und flehte darum, dass sie mich nach Strumica weiter gehen lassen. Sie ließen mich in einem Polizeiwagen direkt beim Checkpoint übernachten und brachten mich am nächsten Morgen zur griechischen Grenze zurück. Auf meine Bitte hin, ließen sie mich dort raus, wo ich meinen Rucksack am vorigen Tag vor Überqueren der Grenze gelassen hatte. Es regnete in Strömen. Ich fragte nach einem Taxi nach Kilkis. In Kilkis nahm ich einen Bus nach Thessaloniki und dort einen Zug nach Athen.

Ich war wieder einmal bei null. Aufgegeben hatte ich aber noch lange nicht. Es brauchte einen neuen Anlauf mit einem neuen Partner und einem neuen Plan.

Die nächste Episode von Omars Geschichte erscheint am 18.10.2017.

Bild von Tookapic via Pexels unter CC 0 Lizenz: https://www.pexels.com/photo/autumn-car-dark-lamp-78163/