Teil 5: Aus Griechenland rauskommen

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Athen, Griechenland. Nach sechs Tagen auf Chios in drei verschiedenen Flüchtlingscamps nahm ich ein Schiff nach Athen. Ich hatte eine Aufenthaltserlaubnis für sechs Monate bekommen. In Athen fand ich ein Bett in einer möblierten Zwei-Zimmer Siebener-WG. Jeder von uns zahlte 100 Euro Miete –wären wir keine Flüchtlinge, wäre die Zwei-Zimmer-Wohnung insgesamt viel günstiger gewesen als 700 Euro. Die Vermieter wissen, wie sie aus der Fluchtbewegung ein Geschäft machen können. Mein Plan war es, selbständig über Thessaloniki an die mazedonische Grenze zu gelangen, dann über Serbien nach Ungarn und über Österreich nach Deutschland. Ein Schlepper war mir zu teuer und die Route übers Meer nach Italien zu gefährlich. Ich begann mich nach zwei Personen umzuschauen, die sich mit mir auf den Weg machen würden und denen ich vertrauen konnte. Ich wusste, alleine hätte ich keine Chance. Meine Mitbewohner waren schon länger in Athen und hatten ein paar gescheiterte Versuche hinter sich, sogar mit dem Flugzeug und falschen Papieren. Nach knappen drei Woche in Athen machte ich mich mit meinem Mitbewohner und einem Freund von diesem auf den Weg. Sie kamen aus Damaskus und waren älter als ich.

Wir fuhren zuerst mit dem Zug nach Thessaloniki. Von dort aus ging es zu Fuß weiter. Einmal wurden wir von der Polizei entdeckt und zurückgeschickt, gingen ein Stück zurück und als die Luft rein war, gingen wir wieder unbemerkt weiter. Wir schliefen bei -10 Grad in einem verlassenen Haus schon recht nahe der Grenze und kletterten über bergige Landschaft. Zwei Tage später fanden wir uns in Athen wieder. Wir hatten es bis kurz vor die mazedonische Grenze geschafft und wurden dort von Polizisten entdeckt und zurückgeschickt. Der Mut hatte uns, aber vor allem die anderen beiden, verlassen. Ich hatte keine Wahl, als auch mit ihnen zurück nach Athen zu gehen.

Ich wusste, dass ich versuchen musste, jüngere und stärkere Männer zu finden, die genauso fit waren wie ich – und zuverlässiger. In einer Gruppe auf Facebook fand ich einen syrischen Mann, mit dem ich mich traf. Er wirkte stark und vertrauenswürdig. Zwar war er schon 40, aber ich hatte ein gutes Gefühl. Außerdem wäre es zu zweit sicher unkomplizierter als zu dritt, dachte ich. Wir fingen an zu planen und entschieden uns für eine ungewöhnliche, neue Route, um das Risiko zu senken, erwischt zu werden. Diesmal nahmen wir auch Schlafsäcke mit. Wir nahmen einen Zug nach Thessaloniki, wie ich es letztes Mal getan hatte, doch diesmal fuhren wir von dort aus mit einem Bus nach Kilkis. Dort versuchten wir ein Taxi zu bekommen, doch alle Taxifahrer wollten unsere Aufenthaltsgenehmigung sehen. Diese war regional begrenzt und nördlich von Kilkis ungültig. So hatten wir große Schwierigkeiten, jemanden zu finden, der bereit war, uns mitzunehmen. Letztendlich wurden wir mitgenommen. Kurz vor Cherso ließ uns die Fahrerin aussteigen. Sie hatte Angst, von der Polizei mit uns erwischt zu werden, daher brachte sie uns nicht bis an die Grenze. Entlang einer großen Hauptstraße liefen wir weiter. Als wir der Grenze näher kamen, mussten wir die Straße verlassen. Um nicht auf den offiziellen Grenzübergang zuzulaufen. Es war schon zehn Uhr abends und dunkel und meine GPS-Navigation funktionierte nicht ganz richtig. Auf einmal wurden unsere Füße nass. Wir schienen durch einen See oder Teich zu laufen, der auf der Karte nicht angezeigt war. Wir konnten nur schlecht sehen und wussten nicht, wie wir ausweichen könnten. Außerdem wussten wir nicht, wie tief es werden würde und nahmen an, dass wir bestimmt durch das Wasser waten könnten. Doch das Wasser stieg immer höher, bis es uns bis zur Brust reichte. Mein Partner begann die Nerven zu verlieren. Er schimpfte, ich hätte nicht den richtigen Weg rausgesucht. Er war sehr sauer. Als wir das Gewässer überwunden hatten, waren wir komplett nass und unendlich erschöpft. Wir entschieden erst einmal zu schlafen. Es brachte nichts im Dunkeln weiterzulaufen. Wir holten unsere Schlafsäcke raus und legten uns in den Wald. Als der Morgen anbrach sagte der Mann, er wolle die Führung übernehmen. Ich wusste, dass ich keine Chance hatte und stimmte zu.

Wir zogen weiter. Plötzlich sah ich zwischen Bäumen eine Bewegung. Sie kam näher. Es war zu spät wegzurennen. Es waren Soldaten mit Schlagstöcken und sie hatten uns gesehen. Sie kontrollierten unsere Papiere und drohten uns. Wenn wir nicht kehrt machten, und sie uns noch einmal sahen, dann würden sie uns verprügeln. Bis jetzt waren die Polizisten immer ganz nett gewesen. Diese beiden waren aggressiv und schienen nur darauf zu warten, etwas zu tun zu haben. Zum Glück war mein Partner genauso wenig wie ich dazu bereit, so einfach aufzugeben. Wir gingen ein Stück zurück, doch als das Militär abgezogen war, drehten wir wieder um und setzten unseren Weg Richtung Grenze fort. Mein Partner übernahm nun das Kommando, wir liefen weiter durch Wald und Felder. Nach einer Weile wurde das Gestrüpp immer dichter und immer höher. Pflanzen, die uns bis zur Brust reichten, mit harten Zweigen und Dornen. Es war weit und breit kein Ende zu sehen, kein Pfad auf dem wir laufen könnten. Wir schauten nach links und nach rechts, doch soweit wir blicken konnten, nahm dieses Gestrüpp kein Ende. Uns blieb nichts anderes übrig als die Zähne zusammen zu beißen und uns durchzukämpfen. Schon bald schmerzte mein gesamter Körper. Wir versuchten die Pflanzen platt zu treten, doch sie waren widerspenstig und fest und zu hoch, sodass sie unsere Beine schnitten und piksten. Es half auch nicht, dass wir beide unter unserer Hose eine lange Unterhose gegen die Kälte trugen. Mein Partner wurde teilweise durch seine etwas höheren Stiefel geschützt und kam schneller voran. Er drehte sich zu mir um und ich nickte ihm zu. Er sagte: „Folg einfach der Sonne. Wenn du mich nicht findest, ruf mich an.“ Ich verfluchte meine Sneaker. Mir steckten Dornen im Fleisch. Ich versuchte, nicht daran zu denken. Ich schaute mich um: wir waren gefangen in einem in alle Himmelsrichtungen nicht endenden Labyrinth aus diesen dornigen, grünen Ungeheuern. Panik ergriff mich. Noch nie hatte ich mich so hilflos gefühlt. Ich spielte mit dem Gedanken den Notruf zu wählen. Das könnte aber bedeuten, dass dieser Fluchtversuch bald Geschichte sein würde. Ich atmete durch, zog die Dornen aus meinen Beinen und ging weiter. Mein Partner war schon außer Sichtweite. Nach einem Zeitraum, der ungefähr eine Stunde gewesen sein muss, hatte ich es geschafft. Das Gestrüpp war durchquert. Mein Partner saß auf dem Boden. Ich setzte mich zu ihm und atmete auf. Ich schob meine zerschlissene Hose hoch und sah, dass meine gesamten Beine zerkratzt und blutig waren. Ich entfernte die restlichen Dornen, tupfte meine Wunden mit Taschentüchern und Wasser ab, putzte meine Schuhe soweit es ging. Ich wechselte meine durchlöcherten Klamotten, mit denen ich viel zu auffällig gewesen wäre. Außer einem Trainingsanzug zog ich mir bequemere Turnschuhe an. Mein Partner blieb in seinen zerstörten Klamotten.

Wir waren der Grenze nun schon sehr nah. Als wir an der Grenze waren, ließen wir unsere Rucksäcke zurück. Ohne Rucksack würden wir weniger wie Flüchtende oder Reisende aussehen, sondern mehr wie Mazedonier.

Wir überquerten endlich die Grenze.

Rechts von uns erstreckte sich der Dojransee. Wir gingen am Ufer entlang bis wir das nächste größere Dorf, Star Dojran erreichten. Es war etwa Mittag. In einem Café fragte ich nach einem Bus, mein Partner wartete draußen. Die Frau am Tresen guckte mich etwas verunsichert und skeptisch an. Als sie zum Telefon griff, klingelten bei mir die Alarmglocken. Ich sagte, ich müsse jetzt los. Ich verließ das Café. Ich wollte rennen, doch mein Partner war zu müde. Er nickte mir zu. Ich rannte nicht, um keinen Verdacht zu erwecken, aber ging so zügig wie ich nur konnte.

Die nächste Episode von Omars Geschichte erscheint am 14.10.2017.

Bild von westpark via Flickr unter CC BY-NC-ND 2.0 Lizenz: https://www.flickr.com/photos/west-park/3326329181