Teil 4: Die Überfahrt

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Izmir, Türkei. Der erste Anlauf, zu den Schlauchbooten zu gelangen, in denen wir nach Griechenland fahren würden, scheiterte. Es war zu viel Polizei präsent, so dass das Auto des Schleppers, was uns zur Küste bringen sollte, auf halber Strecke umkehren musste. Zwei Tage später starteten wir den zweiten Versuch. Ich packte meine Wertsachen in Luftballons, mein Pass in einem Ballon, das Smartphone in einem anderen und so weiter. Die gefüllten Luftballons verstaute ich in meiner Jackentasche mit Reisverschluss. Den Rucksack mit Klamotten musste ich bei dem Bekannten in Izmir lassen. Gegen 21 Uhr abends wurden wir in Basmane in Autos untergebracht. Es waren um die 90 Menschen: Frauen, Kinder, Männer, alte Leute, sogar Babys. Wir wurden angewiesen, unsere Handys auszuschalten, um nicht durch die Signale „sichtbar“ für die Polizei zu sein. Wir fuhren durch den Wald, es war hügelig und dunkel. Der Schlepper ist nur der Organisator, er ist selbst nie dabei. Er hat Leute, die das für ihn erledigen. Diese Leute hatten Nachtsichtgeräte dabei, um rechtzeitig Polizisten zu entdecken. Diesmal kamen wir durch, bis zur Stelle wo die Schlauchboote abfahren würden. Doch dann sichteten die Fluchtbegleiter die Wassergrenzpolizei auf ihren Motorbooten. Wir mussten uns verstecken, was aber durch die hügelige Landschaft einigermaßen gut möglich war. Ich hatte trotzdem Angst, dass wir nicht loskommen würden.

Wir harrten bis 3 oder 4 Uhr morgens im Wald aus bis sie verschwunden waren.

Als es so weit war, wurden wir in zwei Gruppen aufgeteilt. Ich war sehr erleichtert zu der Gruppe zu gehören, die das erste Schlauchboot nehmen konnte. Zu 50 Leuten quetschten wir uns in das für 20 Personen ausgelegte Boot. Nun waren wir auf uns alleine gestellt, die Leute des Schleppers hatten ihren Job erledigt. Ein syrischer Mann, der mit seiner Familie auf der Flucht war, hatte sich dazu bereit erklärt, das Boot zu lenken, wofür er dem Schlepper nichts zahlen musste. Für manche ist das die einzige Möglichkeit überhaupt zu fliehen.

Es war sehr eng, wir standen alle, ich konnte mich kein Stück bewegen und spürte um mich herum die Atembewegungen der anderen. Trotz der körperlichen Nähe war es extrem kalt. Der Mann am Steuer fuhr schnell los. Doch es wurde immer welliger. Es wurde wackelig. Und viele wurden nervös. Er reduzierte die Geschwindigkeit. Auf halber Strecke waren die Wellen so hoch, dass Wasser ins Boot eintrat. Ich stand bis zum Bauch im Wasser. Verzweifelt versuchten wir mit Eimern und Plastiktüten das Wasser aus dem Boot raus zu schöpfen und zurück ins Meer zu kippen. Es war frustrierend. Man kam nicht hinterher. So schnell wir auch schöpften, es kam immer die doppelte Menge an Wasser zurück.

Plötzlich sah ich voller Entsetzen, dass ein Junge in meinem Alter ins Wasser gefallen war. Man hielt ihm die Arme entgegen. Alle halfen mit. Es gelang uns, ihn wieder an Bord zu ziehen. Irgendwann entdeckte uns die türkische Wasserpolizei. Wir hatten Glück. Sie schickten uns nicht zurück, sondern geleiteten uns mit Licht zur griechischen Wassergrenze. Kurz vor Chios tauchten hinter und neben uns Motorboote der griechischen Wasserpolizei auf. Sie kamen auf uns zugerast. Wir fuhren schneller. Panik überkam uns alle. Ein paar Meter vor Erreichen des Strandes stach der syrische Mann, der das Boot gelenkt hatte, mit einem Messer in das Schlauchboot – eine Methode, die dazu dienen sollte, nicht mit dem Schlauchboot zurückgeschickt werden zu können. Wir schwammen die restlichen Meter und wateten hastig aus dem Wasser.

Das türkisene Wasser, der helle Strand und die weißen Häuser passten irgendwie nicht zu dem, was wir alle grad erlebt hatten. Die Anspannung der letzten zwei Stunden fiel langsam von mir ab. Ich rief das Büro an und gab den Code durch.

Die nächste Episode von Omars Geschichte erscheint am 11.10.2017.

Bild von IFCR via Flickr unter CC BY NC ND 2.0 Lizenz: https://www.flickr.com/photos/ifrc/20897697290/