Teil 3: Das Büro

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Izmir, Türkei. Einen guten Tag dauerte die Reise von Gaziantep (meinem ersten Zwischenstopp in der Türkei, den ich bei meinem Onkel verbrachte) nach Izmir. Nach den ersten Tagen in Izmir:

Ich wache auf von den Sonnenstrahlen, die in das Hotelzimmer scheinen. Der Blick aus dem Fenster zeigt mir den Stadtteil Basmane in Izmir. Mein Bruder war hier auch vor einem Jahr, das gibt mir ein gutes Gefühl. Ich stehe auf und mache mich nun den dritten Vormittag auf den Weg zum Hatuniye Park, einem Treffpunkt für Flüchtende und Schlepper. Auf dem Weg dorthin höre ich nur Türkisch. Ich verstehe nichts und niemand versteht mich. Doch beim Park angekommen, tummeln sich Gleichgesinnte. Ich höre Arabisch und Englisch und andere Sprachen. Alle tauschen sich über Fluchtwege und Möglichkeiten aus. Ich werde mehrere Male gefragt, ob ich auch fliehen möchte und mitkommen will mit dem und dem Schlepper. Aber ich höre mich nur um. Ich weiß, dass viele mit den Schleppern zusammen arbeiten und sich als Flüchtlinge ausgeben, um Vertrauen zu gewinnen.

Über meinen Bruder erhalte ich den Kontakt von einem Freundesfreund, der in Izmir lebt. Wir treffen uns und er empfiehlt mir einen Schlepper, mit dem auch schon der Freund meines Bruders es nach Griechenland geschafft hat.

Ich entscheide mich dafür, meine Flucht mit dem Schlepper über ein sogenanntes „Büro“ einer großen Schleppernetzwerk-Organisation zu planen, die als eine Art Vermittler und Versicherer agiert und aus der Flucht von den vielen Menschen ein Geschäft macht.  Diese Büros vermitteln zwischen Flüchtenden und Schleppern und geben einem die Möglichkeit, sich innerhalb von drei Tagen nach der geplanten Ankunft mittels einer SMS mit einem persönlichen Code zu melden. Wenn alles nach Plan gelaufen ist, dann wird nach der Bestätigung des Flüchtenden das (im Voraus an das Büro gezahlte) Geld an den Schlepper weitergeleitet. Wenn es Schwierigkeiten gegeben hat oder man nicht angekommen ist, dann kann man dies dem Büro mitteilen und man erhält sein Geld zurück. Meldet man sich innerhalb der drei Tage nicht, dann wird das Geld automatisch an den Schlepper überwiesen. Die Flucht über ein Büro dieser Organisation hat nichts Offizielles oder Legales an sich und ist alles andere als die Garantie für eine sichere Flucht. Die Flucht an sich spielt sich genauso ab, wie wenn man sich direkt an einen Schlepper wenden würde. Man wird in Schlauchboote gezwängt, die eigentlich für weniger Leute gedacht sind und so weiter. Es geht lediglich darum, im Zweifelsfall sein Geld zurückbekommen zu können. Man zahlt für diesen Service ca. 50 Euro Gebühr. Ich finde ein Büro, von dem ich Gutes gehört habe. Trotzdem mache ich mir Sorgen. Ich weiß nicht, ob die Leute, die es mir empfohlen haben, nicht einfach nur mit dem Büro zusammenarbeiten und die Aufgabe haben, dafür zu werben. Immerhin handelt es sich um ein großes Geschäft für Büros und Schlepper. Oft auch, so habe ich gehört, halten sich Büros nicht an das Rückzahlungsversprechen bei Misslingen der Flucht. Natürlich ist es schwierig sich dagegen zu wehren, betrogen worden zu sein, wenn man sich selbst auf ein illegales Geschäft eingelassen hat…

Die Interaktion mit dem Büro muss äußerst geheim passieren. Die Adresse ist unbekannt. Nach einem Telefonat mit dem Büro holt mich eine Person von einem verabredeten Treffpunkt ab. Der Mann begrüßt mich nicht, ich erkenne ihn an der vorher durchgegebenen Beschreibung. Wir halten Abstand, ich folge ihm. Wir laufen durch die Stadt bis wir zu einem grauen, heruntergekommenen Hauseingang kommen. Wir gehen durch einen langen, dunklen Flur. Wir erreichen einen Raum. Die Jalousien sind heruntergelassen und die Luft ist schlecht. An einem Plastiktisch sitzt ein rauchender Mann. Mein Wegweiser verschwindet. Ich nenne dem Mann am Plastiktisch den Geheimnamen des mir empfohlenen Schleppers, es wird mir alles weitere erklärt und wir vereinbaren einen Code. Zur Sicherheit fotografiere ich diesen ab und schicke ihn an meine Familie. Die Überfahrt nach Griechenland kostet mich 1300 Euro plus 50 Euro Gebühr. Nach einer Woche in Izmir kann es endlich weitergehen.

Die nächste Episode von Omars Geschichte erscheint am 07.10.2017.

Bild von ababhastopographer via Flickr unter CC BY NC SA 2.0 Lizenz: https://www.flickr.com/photos/ababh/21620489266/