Teil 2: Aufbruch

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Aleppo, Syrien. Ich saß in der Mitte dieses alten Busses, der uns zum Bab al-Hawa Grenzübergang bringen sollte, am linken Fenster, mein Gepäck neben mir auf dem Sitz. Ich blickte aus dem staubigen Fenster und behielt meine am Straßenrand stehende Familie, von der ich mich gerade verabschiedet hatte, so lange im Auge, wie es nur ging. Es waren ungefähr 40 weitere Menschen im Bus, aber es gab genug Platz für alle. Den größten Teil der Fahrt schaute ich aus dem Fenster. Wir fuhren an zerstörten Häusern vorbei und an vielen Soldaten. Ich weiß nicht mehr wie oft wir an Checkpoints zur Passkontrolle hielten, aber es war sehr oft. Außerdem verfuhren wir uns ständig und machten riesige Umwege. Unter normalen Umständen hätte die Fahrt zur türkischen Grenze zwei bis drei Stunden gedauert, eingeplant hatte ich acht Stunden. Wir waren zwei Tage lang unterwegs. An einem Stützpunkt der syrischen Armee machte der Fahrer den großen Fehler, die Soldaten nach dem Weg nach Idlib, einem Stützpunkt der Freien Syrischen Armee (Stand 2014), zu fragen. Die Soldaten drohten damit, den ganzen Bus zu durchsuchen, wenn wir ihnen nicht freiwillig unsere ganze Fremdwährung gaben. Alle gaben vor, keine Fremdwährung zu haben. Die Soldaten begannen unser ganzes Gepäck zu durchsuchen und den Fahrer mit Fragen zu löchern. Je näher die Soldaten mir kamen, desto schneller schlug mein Herz. Ich hatte mein gesamtes Geld und alles Wichtige bei mir, am Körper, in einer speziellen Unterhose mit Reißverschluss und eingenäht in den inneren Bund meiner Jeans. Einer Frau wurde eine türkische SIM-Karte weggenommen, die sie in ihrer Tasche hatte. Wir wurden auch gefragt, was wir in der Türkei wollen. Alle sagten, sie wollen nur zum Arbeiten für begrenzte Zeit dahin und nach ihrer Rückkehr nach Syrien helfen, das Land aufzubauen. Sie wussten, dass wir in naher Zukunft nicht wiederkommen würden, wenn wir den Fluchtweg bewältigen würden. Es war ihnen egal. Weniger Menschen, die aus ihren Regionen vertrieben werden müssten, mehr Gebiete, die sie einfacher besetzen könnten. Sie wollten eigentlich nur Fremdwährung einsacken. Sie ließen uns gehen.

Wir fuhren weiter. Es gab keine Straßenlaternen, als es dunkel wurde. Der Fahrer fuhr durch. Wir mussten wach bleiben, stets bereit an einem der unzähligen Checkpoints unsere Papiere vorzuzeigen. In Idlib hielten wir um Mitternacht und schliefen in einer Moschee. Am nächsten Tag ging unsere Reise um 6 Uhr morgens weiter. Kurz vor der Grenze erwartete uns ein riesiger Stau. Vier lange Stunden kroch der Bus dahin, bis wir an der Grenze waren. Direkt an der Grenze waren viele Leute, die schon tagelang dort übernachteten und auf den Übergang warteten. Ich hatte Glück. Ich musste an die Menschen denken, die irgendwo durch ein Loch in der Grenzmauer krabbeln mussten, weil sie von der Regierung verfolgt wurden oder keinen gültigen Pass hatten, und vielleicht auf der anderen Seite angekommen, angeschossen werden würden. Die türkischen Grenzbeamten durchsuchten mich wie bei einer Flughafenkontrolle, kontrollierten meinen Pass und gaben mir einen Einreisestempel. Auf der anderen Seite atmete ich auf. Ich hatte einen großen Schritt geschafft. Ich setzte mich in einen normalen Reisebus nach Reyhanli, wo ich umstieg und weiter nach Gaziantep fuhr, wo mein dort lebender Onkel mich erwartete. Gegen 21 Uhr kam ich an.

Mein nächstes großes Ziel war Izmir. Der erste Schritt war eine türkische Sim-Karte, die mir endlich den Zugang zu GPS ermöglichen würde.

Bild von Melissa Wall via Flickr unter CC BY-NC 2.0 Lizenz: https://www.flickr.com/photos/melissawall/4305272097/