Teil 1: Die Entwicklung eines Plans

Wir sind Omar (22) und Rayén (21). Omar ist vor über zwei Jahren aus seiner Heimatstadt Aleppo vor Bürgerkrieg und Militärpflicht geflohen. Rayén studiert Soziologie an der Universität Hamburg. Getroffen haben wir uns in einem Seminar an der Uni. Innerhalb einer „Schreibwerkstatt“ war unser Projekt, zusammen eine Geschichte zu schreiben. Omar erzählt hier in 15 Teilgeschichten von seinem Weg von Syrien nach Deutschland.

Aleppo, Syrien. In Syrien gilt für alle männlichen Bürger ab achtzehn Jahren die Militärpflicht. Man kann dem nur solange entgehen, wie man eine Schule, Hochschule oder Universität besucht. Der Eintritt ins Militär wird somit nur zeitlich verschoben. Mit jedem Tag des Lernens kommen junge, syrische Männer ihrem Abschluss und damit dem Wehrdienst näher.

Ich habe mit achtzehn mein Fachabitur zur Innenarchitektur gemacht und bin dann auf die Hochschule in Aleppo gewechselt, wo ich ein Jahr verbrachte. Hätte ich noch ein weiteres Jahr studiert, wäre meine nächste Station das Militär gewesen. Seit Beginn des Krieges habe ich darüber nachgedacht, wie ich diesem Schicksal entgehen könnte.

Zwei meiner Brüder leben in Berlin. Einer von ihnen reiste 2008 über ein Stipendium als Student ein und der andere machte sich 2013 auf die Flucht. Daher kam meine Idee, nach Deutschland zu kommen.

Zuerst hoffte ich auf ein Stipendium. Ich nahm ein Jahr lang Deutschunterricht an der Universität. Währenddessen wurde die Lage in meinem Land immer kritischer. Mir wurde klar, dass ich nicht die Zeit hatte, den Kurs zu beenden und auf diesem Wege nach Deutschland zu kommen. Übrig blieb die Option Flucht.

Ich begann mich darauf vorzubereiten. Drei Monate lang sammelte ich Tipps und Informationen aus Erfahrungsberichten im Internet und von Bekannten. Mein Bruder gab mir den Kontakt eines Bekannten in Izmir. Es war von vornerein klar, dass ich mich alleine auf den Weg würde machen müssen. Die Flucht ist sehr teuer. Für meine Flucht haben mir zwei meiner Brüder jeweils die Hälfte des Geldes gegeben.

Meine Eltern hatten viel Angst um mich und wollten mich ungern gehen lassen. Das änderte sich, als ich eines Tages auf dem Nachhauseweg festgenommen wurde. Es lag eine Verwechslung vor. Verhaftungen als Mittel der Regierung, den Menschen Angst zu machen und sie zu vertreiben, gab es sowieso alltäglich. Erst nach zehn Tagen wurde ich mit verbundenen Augen vor einen Mann geführt, der dann aufgrund meiner Aussage und aus Mangel an Beweisen entschied, mich freizulassen. Als ich rauskam, wusste ich, dass es gefährlicher als alles andere war, in Syrien zu bleiben. Endlich waren meine Eltern überzeugt.

Fünf Monate nach meiner Entscheidung hatten wir das Geld für meine Flucht im Großen und Ganzen zusammen. So machte ich mich mit zwei kleinen (mit Kleidung und etwas Proviant gefüllten) Koffern auf den Weg. 1500 Euro und 300 türkische Lira – verbotene Fremdwährung, die ich vor Beginn meiner Flucht gut verstecken musste – ein Offline-Navigationsprogramm auf meinem Smartphone und mein Pass waren meine wichtigsten Begleiter. Für Erinnerungen war kein Platz, die könnten außerdem auf der Überfahrt nass werden.

Um 7 Uhr morgens am Busbahnhof verabschiedete ich mich von meinen Eltern und Brüdern. Ich fühlte die Angst davor, meine Familie möglicherweise nie wieder zu sehen und die Angst vor der Flucht. Die Ungewissheit darüber, was genau passieren und was ich erleben würde.

Die Busse, die zur Grenze fuhren, waren keine offiziellen Busse. Man konnte sich nicht im Voraus ein Ticket kaufen oder einen Platz reservieren. Sie fuhren nahe des Busbahnhofes ab und wer zuerst da war, erhielt zuerst einen Platz.

Es ist sehr wichtig, den richtigen syrisch-türkischen Grenzübergang zu wählen. Bab al-Salameh war beherrscht von ISIS, Bab al-Hawa unter der Kontrolle der Freien Syrischen Armee. Die Freie Syrische Armee, die gegen die Regierung kämpft, würde sich bei der Übergabe an die türkischen Grenzbeamten hilfsbereit zeigen. (Stand 2014)

Ich stieg in den Bus, von dem man wusste, dass er jeden Tag gegen 7 Uhr zum Bab al-Hawa Grenzübergang fährt.

Bild von Klaus Wagensonner via Flickr unter CC BY-NC-ND 2.0 Lizenz: https://www.flickr.com/photos/sipazigaltumu/3171813558/