Wie wir sein können

Ich sitze am Küchentisch und nippe an meinem Getränk. Ich weiß, dass es kommen wird. Es ist unvermeidlich – das Stammtischgespräch. Sie halten das Glas mit Senf in der Hand und klatschen eine Portion auf den Teller, auf dem Buchstabennudeln das Wort „Flüchtlingskrise“ bilden. Sie haben keine Ahnung, keinen Verstand, kein Herz oder zuviel davon, keine humanistische Bildung genossen oder sie nicht als Genuss empfunden, die Fähigkeit zur Empathie fehlt ihnen oder sie gilt nur für Auserwählte, insbesondere für sie selbst. Aber eine Meinung, die haben sie. Und Macht, hier am Küchentisch haben sie die Diskursmacht, das Senfglas fest in der Hand. Sie rezitieren, was sie irgendwann irgendwo aufgeschnappt haben, würzen das Gesagte mit Vorurteilen und strafen meine Einwürfe mit Kopfschütteln und erzürnten Blicken. Es gebe keine rassistisch motivierten Gewalttaten, sagen diese Blicke. Es gibt keinen Hass – und in uns schon gar nicht.

Man kann das: Wegsehen. Wegfühlen. Man kann ignorieren, Desinteresse zeigen. So tun, als wäre da nichts. Klein reden. Einfach weiterleben wie bisher, unberührt und uninformiert. Da ist kein Krieg, kein Terror, keine Politik, keine Menschen, keine Schicksale, keine Begegnungen, keine Willkommenskultur, kein Rassismus.

Man kann: Angst haben, sich fürchten, nicht verstehen, sich angegriffen und bedroht fühlen. Sich seines Platzes nicht mehr sicher sein. Vorurteilen glauben, Etiketten aufkleben. Sich immer tiefer in den Hass hineinschrauben, den wir latent oder offen äußern und zeigen.

Wir können vergessen – oder gar nicht erst gelernt haben – was es bedeutet Mensch zu sein. Vielleicht haben wir nie Nathan der Weise oder ähnliches gelesen, vielleicht wurde uns alles genommen, vielleicht hatten wir es selbst nie gut, mussten sehen, wie wir klar kommen, mussten entbehren und entsagen und vielleicht mussten wir uns immer nur abrackern. Damit wir es besser haben, damit wir die Wunden, die uns in der Kindheit zugefügt wurden hinter unseren Gartenzäunen verstecken können, als würde das was bringen.

Vielleicht merken wir nicht, dass wir gar nicht so verschieden sind. Vielleicht empfinden wir Neid. Vielleicht sehen wir uns gespiegelt. Vielleicht fürchten wir in dieselbe Situation zu kommen. Vielleicht müssen wir verteidigen, was wir uns aufgebaut haben.

Wir können den Zugang zur Herberge verwehren, auch wenn wir Weihnachten fromm im Gottesdienst sitzen, auch wenn wir jeden Sonntag vorm Altar hocken und nicken und singen und beten und das Vaterunser, das können wir im Schlaf aufsagen. Wir können die Welt einteilen in Wir und die Anderen. Wir sind richtig, die Anderen sind falsch. Wir können das und wir tun es.

Wir können auf die andere Straßenseite deuten und sagen: Schon wieder so ein Flüchtling. Und wir können Unverständnis und Hass in unsere Worte legen. Wir können die Nase rümpfen und uns ekeln. Aber wovor, das wissen wir nicht, das wollen wir nicht wissen, sind es doch unsere eigenen Gefühle, unsere eigenen Bewertungen, und damit wollen wir uns nicht auseinandersetzen.

Man kann auch: So tun, als gebe es für uns nur das Wir. Da sind keine Anderen, keine Fremden. Da sind Menschen, denen wir begegnen, die wir kennenlernen, die wir sehen, denen wir zuhören, die wir unterstützen und denen wir helfen. Wir merken nicht, dass auch wir eine Grenze ziehen.

Wir sind offen und herzlich, interessiert und neugierig, gewillt und motiviert. Wir lernen mit- und voneinander. Wir verschließen die Augen nicht, wir schauen hin und packen an und dann packt uns der Burnout, weil wir keinen Ausgleich schaffen. Weil wir alles zu nah an uns heran lassen. Weil wir alles sehen, alles hören, all die Freude und das Leid, all die Liebe und den Hass, all die Dankbarkeit und die Ignoranz. Weil wir schließlich zu der Einsicht gelangen, dass auch wir bewerten.

Wir können es Alltag werden lassen, obwohl wir uns für diesen Gedanken schämen. Es ist nicht alltäglich, wenn Menschen auf der Flucht sind, sagen wir uns. Es ist nicht alltäglich, wenn Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Aber wenn wir es Alltag werden lassen, denken wir, wenn wir es Normalität werden lassen, dann schaffen wir einen Kosmos, in dem ein zweites Zuhause entstehen kann.

Wir dürfen, wir wollen nicht vergessen zuzuhören, ermahnen wir uns. Jede einzelne Geschichte wollen wir hören, wir wollen sie aufnehmen und in unserem Herzen bewahren. Geschichten von dort, Geschichten von hier und Geschichten von unterwegs. Wir wollen, dass Menschen ankommen. Nicht nur physisch. Wir wollen nicht wegsehen, wir wollen nicht weghören. Wir wollen verstehen und verändern. Wir wollen uns selbst hinterfragen und andere überzeugen, wir wollen Überzeugungstäter und Vorbilder sein. Wir wollen vor allem eins: Mensch sein.

Ich sitze am Küchentisch und denke: Wir sind alle Menschen und wir sind so verschieden. Wir sind wütend, einsam, traurig, neidisch, ängstlich, liebevoll, dankbar, offen, herzlich. Wir kommen nicht klar mit uns und der Welt und wir entwickeln Strategien, die es uns leichter machen, unsere Unsicherheit zu ertragen. Wir bauen uns Gedankengebäude und bewerten die Welt um uns herum. Wir zeigen Gleichgültigkeit, Abneigung oder Zuneigung.

Das alles sind menschliche Verhaltensweisen. Wie wir mit den Dingen umgehen, die um uns geschehen, hängt von so vielen Faktoren ab. Davon, was wir gelernt haben.

Davon, wie wir uns und andere bewerten.

Text und Foto: Juliane Luttmann

(Juliane ist Bloggerin ohne Fluchterfahrung, beobachtet gerne Menschen und ihre Verhaltensweisen und schreibt über Gefühle auf einfach nur sein.)