Orientierung, aber auch Integration?

Wie deutsche Hochschulen auf Geflüchtete reagieren (und die Akademiker*innen selbst aktiv werden).

Viele Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind, mussten ihr Studium aufgeben und ihre Ausbildung unterbrechen. Hier angekommen scheinen erst einmal alle Türen verschlossen. Die Hochschulen haben je nach Studiengang mehr oder weniger strenge Aufnahmekriterien, die häufig schon für Deutsche schwer zu erfüllen sind. Für die Zugewanderten kommt die Sprachhürde hinzu. An den meisten Hochschulen wird ein Sprachniveau verlangt, das dem von Muttersprachlern nahe kommt. Wer akademisch lernen möchte, muss auf deutsch wissenschaftlich lesen, schreiben und argumentieren können. Englischsprachige Bachelor-Studiengänge finden sich an den großen Universitäten bisher kaum (an der Universität Hamburg zum Beispiel kein einziger). So bleibt nur, Deutsch zu pauken, bis das erforderliche Niveau erreicht ist. Weitere Schwierigkeiten wie die Feststellung der bisherigen Studienleistungen und deren Gleichwertigkeitsprüfung oder die Finanzierung des Studiums kommen hinzu.

Asylbeweber*innen und anerkannte Flüchtlinge sind keinesfalls grundsätzlich von der Bewerbung um einen Studienplatz ausgenommen: Das Studium an einer Hochschule ist unabhängig vom Aufenthaltstitel. Wer kein deutscher oder EU-Staatsbürger ist, bewirbt sich gemeinsam mit anderen internationalen Studieninteressierten um die per Quote festgelegten Plätze.

Die Hochschulen haben erkannt, dass sie eine Schlüsselrolle für die Integration geflüchteter Menschen spielen. 72 Prozent der Hochschulen haben laut einer Umfrage des Stifterverbandes Angebote für geflüchtete Studieninteressierte geschaffen. Meist geht es dabei um die Orientierung an der Hochschule durch Beratungsangebote, den Kontakt zu Kommiliton*innen oder die sprachliche Qualifizierung. An der Universität Hamburg wurde beispielsweise das Programm #uhhhilft ins Leben gerufen, das den geflüchteten Studieninteressierten das Ankommen an der Universität durch Deutschkurse, Gasthörerschaften, Campusführungen oder Informationsveranstaltungen erleichtern soll. Unser Autor Ahmad nimmt am Programm teil. Er sagt darüber:

„Dieses Programm war für mich der effektivste Weg, um zu erfahren, wie ich hier leben soll und um die deutsche Gesellschaft kennenzulernen. Erstens erlaubt mir das Programm, mit der Universität in Kontakt zu kommen und einige Grundideen zum deutschen Bildungssystem zu erfahren. Zweitens hatte ich die Möglichkeit, Deutschkurse zu besuchen, unabhängig von meinem Status als Asylbewerber. Das hilft mir, weil es eine Weile dauert, bis man die regulären Papiere für einen Deutschkurs bekommt. Drittens treffe ich viele nette Leute in diesem Programm. Das ist wichtig für mich, weil sie mich auf bestimmte Art und Weise motivieren, schneller zu lernen. Und klar, wenn ich neue nette Leute treffe, denke ich nicht so sehr darüber nach, wie mich viele Leute abstempeln – wie auch immer dieser Stempel aussehen mag.“

#uhhilft umfasst unter anderem ein „Buddy-Programm“, in dem sich jeweils ein*e Geflüchtete*r und ein*e Studierende*r der Universität Hamburg näher kennenlernen können. Der NDR berichtet in einem Radiobeitrag über Ahmad und seinen „Buddy“ Jutta.

Zu fragen bleibt, ob die Hochschulen bereit sind, ihre Anforderungen an die Zielgruppe der Geflüchteten anzupassen oder ob sich die Bemühungen darauf beschränken, die angehenden Akademiker*innen auf den Bewerbungsprozess vorzubereiten. Diese Vorbereitungsphase kann Jahre dauern. Ernst gemeinte Veränderungsprozesse müssten auch strukturelle Maßnahmen umfassen. Man könnte sogar einen Schritt weiter gehen und die aktuelle Situation zum Anlass nehmen, um manche Prozesse und Zustände an deutschen Hochschulen grundlegend zu überdenken: Sind die Bewerbungsprozesse nicht ohnehin komplexer als nötig? Sind die BAföG-Regelungen fair? Und bräuchte es nicht sowieso mehr englischsprachige Studiengänge, die deutschen wie internationalen Studierenden gleichermaßen zugutekommen würden?

Die traditionellen Hochschulen haben sich an diese Fragen noch nicht herangewagt, andere Initiativen sind ihnen hier weit voraus. An der Berliner Kiron University können Geflüchtete ohne Zugangsschranken in einem Online-Modell studieren. Am wichtigsten jedoch: Initiativen, in denen sich geflüchtete Akademiker*innen zusammenschließen, um voneinander zu lernen, ihr Wissen zu teilen und es nach außen zu tragen. Die Silent University hat zum Ziel, durch Vorträge, Performances und schriftliche Beiträge aus der Passivität herauszutreten, in die Asylbewerber*innen gedrängt werden und zu vermeiden, dass ihr Wissen und ihre Fähigkeiten ungesehen bleiben oder gar verloren gehen.

Text: Anna // Kommentar: Ahmad // Radiobeitrag: Daniela (NDR)