Ein syrischer Arzt erzählt

Gefällt dir Deutschland?

Diese Frage höre ich immer wieder von Deutschen. Heutzutage wird sie auch viel auf der Straße, in den Medien und zwischen den Menschen diskutiert.

Selbstverständlich gefällt mir Deutschland…

Das ist die normale Antwort,

aber wir tragen auch viel Traurigkeit, Heimweh und tragische Geschichten aus unserem Heimatland in unserem Gedächtnis und unseren Herzen.

Wie kann ich in Ruhe und Frieden leben – während mein Heimatland unter dem Krieg leidet?

Seit fünf Jahren verlieren jeden Tag mindestens 30 Menschen ihre Leben. Viele Zivilisten und Kinder werden verletzt.

Ich habe schon bei Ärzte ohne Grenzen gearbeitet, wo ich viele Verletzungen gesehen habe. Und ich habe gesehen wie Kinder, Frauen und auch Babies gestorben sind.

Wenige Ärzte, wenige Pflegekräfte, fast kein Hilfsmittel um Diagnosen zu stellen oder eine Therapie durchzuführen. Und die Katastrophe war, dass viele Verletzte gleichzeitig zu uns gekommen sind. Man muss sich  sehr schnell entscheiden, welche Verletzungen in die Türkei überweisen werden müssen, weil es bei uns keine Fachärzte gibt, welche Patienten entlassen werden müssen, welche Patienten man sterben lässt…

Wie bitte? Sterben lassen??????

Das ist in Syrien passiert, weil es beispielsweise bei mir nur zwei Krankenwagen, nur zwei Operationssäle, fast keine Geräte, wenige Fachärzte und Krankenpfleger gab.

Dieses tragische Bild bleibt in meinem Kopf: Viele verletzte Kinder, Frauen und alte Leute liegen auf dem Boden. Ich laufe zwischen ihnen umher, um den schwierigsten Fall zu finden. Und jede Person sagt: „Doktor, Doktor! Bitte helfen Sie… ich brauche Hilfe…“

Kinder mit fehlenden Extremitäten. Frauen mit Bauchverletzungen bei denen man die Därme schon sehen kann. Alte Leute mit Kopfverletzungen.

Das ist der Krieg…

Der Krieg, wegen Al Assad und seiner Familie, zerstört das ganz Land.

470.000 Tote, 1,9 Millionen Verletzte*, viele in Al Assads Gefängnissen.

Das sind nicht nur Zahlen auf diesen Blatt Papier. Diese Ziffern sind Menschen.

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*Die Zahlen zu Toten und Verletzten stammen aus einem Bericht von The Guardian vom Februar 2016, der sich wiederum auf Zahlen des Syrian Centre for Policy Research stützt.

Der Autor möchte anonym bleiben.