Hört nicht auf zu diskutieren!

Viel war in diesem Jahr von der großen Herausforderung die Rede. Zuletzt lobte Joachim Gauck in seiner Weihnachtsansprache das Engagement der freiwilligen Helfer, die die ankommenden Geflüchteten versorgten, wo Behörden angesichts der Herausforderung an ihre Grenzen stießen. Doch der Begriff selbst und auch die damit einhergehende Rhetorik unterstellen, dass die Herausforderung über kurz oder lang gemeistert sein wird. Dass die aktuellen Ereignisse endlich sind und wir bald auf die Zeit des sogenannten „Flüchtlingsstroms“ zurückblicken werden. Doch wird er tatsächlich abreißen, dieser viel zitierte Strom? Die Kriegsregionen dieser Welt sprechen eine andere Sprache. Wir sollten deshalb ehrlich sein und den Einsatz für Menschen, die auf der Flucht sind, als einen dauerhaften betrachten. Und so müssen auch die Lösungen, die jetzt (hoffentlich) gefunden werden, dauerhaft sein.

„Wir können nicht alle aufnehmen!“ – ebenfalls ein viel zitierter Satz in diesem Jahr. Häufig wird dieses Argument instrumentalisiert und doch ist eines, was man nicht einfach als rechte Stimmungsmache vom Tisch fegen kann. Das Schöne ist: Die Menschen diskutieren wieder. In zahlreichen Gesprächsrunden, unter Freunden, Kollegen oder auch mit Geflüchteten, stößt man immer wieder auf die großen und kleinen Fragen, die mit dem Thema Flucht zusammen hängen. Nie ist es einfach, aber meist hat jeder eine Meinung. Fast schon scheint die Diskussionskultur, die in den letzten Jahren des Öfteren verloren geglaubt war, wieder erwacht zu sein. Darin liegt das große Potenzial der aktuellen Situation. Ein jeder ahnt, dass die Aufnahme der zahlreichen Menschen in Deutschland Auswirkungen auf sein persönliches Leben haben wird. Deshalb sollten auch alle mitreden dürfen. An der Politik ist es nun, zuzuhören und alle Seiten wahrzunehmen, um wenigstens ansatzweise wettzumachen, dass sie sich in den vergangenen Jahren in Flucht- und Integrationsfragen nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat, nur um sich jetzt als das Land der Willkommenskultur zu feiern. Rechter Gewalt und rechten Parolen gilt es, konsequent entgegenzutreten, die unhaltbaren Zustände in Erstaufnahmestellen und vor Registrierungsstellen zu beseitigen und langwierige Prozesse zu beschleunigen.

Flüchtlinge gibt es nicht erst seit diesem Jahr. Doch in den letzten Monaten hat sich die Debatte so sehr zugespitzt, dass es offenbar nur noch Extreme gibt. Holen wir die Diskussion zurück auf eine differenzierte Ebene! Unterscheiden wir zwischen den persönlichen, emotionalen Momenten und den großen Fragen, die auf intellektueller, fast schon philosophischer Ebene gestellt werden müssen. Können Grenzkontrollen und Zäune wirklich die Antwort sein? Quoten und Abschiebungen in vermeintlich sichere Herkunftsstaaten? Ist die Einmischung in die Konflikte anderer Länder legitim? Wie viel zählt die europäische Idee? Und wie reagieren wir darauf, dass kein Platz für alle ist? Das sind die großen politischen Fragen. Auf der individuellen Ebene ist jeder Einzelne aufgefordert, seine Menschlichkeit zu zeigen. Menschlichkeit bedeutet einerseits, freundlich zu sein, zu teilen und Zeit in die Versorgung der Geflüchteten zu stecken, andererseits aber auch, sich vor der Zukunft zu fürchten und diese Ängste zu äußern.

Ich möchte hier keine Antworten geben, sondern zur Diskussion aufrufen. Und vor allem zu mehr Ehrlichkeit. Denn nur wenn alle Seiten, ob Behörden, Politikerinnen und Politiker oder Bürgerinnen und Bürger aus der ganzen Welt sich offen zu ihrer Meinung bekennen, sind konstruktive Lösungen möglich. Wir haben diese Plattform geschaffen, weil wir an eine Kultur der offenen und ehrlichen Debatte glauben, an der sich jeder Einzelne beteiligen kann und weil wir die Partizipation, die das Internet ermöglicht, nicht nur als Spielerei sehen, sondern als Möglichkeit der Auseinandersetzung über globale Herausforderungen. Nun habe ich den Begriff eher unbewusst selbst gebraucht – vielleicht in der Hoffnung, dass so manche Krisen eben doch ein Ende haben und dass 2016 ein konfliktfreieres Jahr wird, das weniger Menschen zwingt, aus ihrer Heimat zu fliehen!

Text: Anna // Bild: Inga