Diskussionen über das, was zählt

Was passiert, wenn ein Syrer und ein Eritreer über Krieg, die deutsche Willkommenskultur und ihre eigenen Zukunftsperspektiven diskutieren? Es entsteht ein Gespräch, das sich zwischen offener Skepsis und unvoreingenommenen Optimismus bewegt. Zwei Persönlichkeiten treffen aufeinander, die sich mit ihren Sichtweisen annähern und wieder voneinander entfernen, während sie vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen die europäische Politik debattieren.

I: Wir wollen heute über Flüchtlingspolitik, das Asylrecht und die damit verbundenen Themen und Fragen sprechen. Womit möchtet ihr beginnen?

A: Ich denke, in der aktuellen Situation in Deutschland, müssen dringend Gesetze geändert werden, wenn man die Bevölkerungszahl betrachtet. Deutschland erwartet dieses Jahr ungefähr eine Million Flüchtlinge, während die Bevölkerung nur 80 Millionen Menschen umfasst. Deshalb ist es in Bezug auf die Kapazitäten und auch die Einrichtungen nicht möglich, allen zu helfen. Die Regierung hat die Bereitschaft, den Menschen zu helfen. Die Kanzlerin sagte im August, dass sie die Tore für Asylbewerber öffnet. Das zeigt diese Bereitschaft, aber in der Umsetzung kann es nicht funktionieren.

M: Und ich antworte dir: Wenn man die Tore für Flüchtlinge öffnet, aber kein Geld und keinen Platz für sie hat, wieso lädt man sie überhaupt ein? Wieso sagt mal „Willkommen Flüchtlinge“? Ich komme aus Syrien und nach dem, was Frau Merkel gesagt hat, kamen 300 000 bis 400 000 Syrer nach Deutschland.

A: Du hast Recht, aber als sie die Tore geöffnet hat, haben viele an der Grenze zu Ungarn gewartet und anstatt sie länger warten zu lassen, hat sie eine akute Entscheidung getroffen. Sie hat also versucht zu helfen, weil die Leute zusammengebrochen sind. Sie wusste, dass das Ziel für diese Menschen Deutschland war.

M: Das stimmt, aber es war nicht gut geplant von ihr.

A: Ja, aber „Willkommen“ bedeutet nicht, dass alle Anforderungen sofort erfüllt sein müssen. Es bedeutet, dass du in den nächsten fünf oder sechs Monaten bekommst, was du erwartest. Aber zunächst musst du den Prozess abwarten, weil so viele Menschen kommen. Du musst dich registrieren. Registrierungsstellen sind notwendig. Ein anderes Beispiel: Hast du das Video gesehen, in dem eine ungarische Journalistin einen syrischen Mann mit seinem Sohn tritt? Anstattdessen: Komm nach Deutschland, bleibe in der Erstaufnahmestelle und du wirst den Asylprozess durchlaufen können. Ungarn heißt dich nicht willkommen.

M: Ja, aber meine Meinung ist, dass man den Menschen besser nicht erzählen sollte, sie seien hier willkommen, sondern ihnen stattdessen einen guten Ort in ihrem Land ermöglichen sollte und versuchen muss, den Krieg dort zu stoppen. Wenn du dir die politischen Medien in meinem Land ansiehst, findest du ungefähr 10 bis 12 Länder, die in Syrien kämpfen – nicht nur Syrer und die syrische Regierung – nein. Es wäre besser, wenn alle diese Länder damit aufhören würden und wenn Deutschland versuchte, das zu stoppen. Und wenn sie es nicht können, können sie vielleicht eine sinnvolle Anlaufstelle finden, wo sie Geld für Menschen hinschicken, die wirklich keines haben. Sie leben in Lagern an der Grenze zur Türkei oder Jordanien oder dem Libanon. Sie können nicht in dieses Land kommen, weil sie keinen Pass und kein Geld haben. Ein Flüchtling in Deutschland kostet ungefähr 2000 Euro im Monat. In diesen Lagern braucht man monatlich nur 200 Euro.

I: Du meinst also, Deutschland sollte eher in die Lager an den Grenzen zu Syrien investieren anstatt die Leute hierher einzuladen?

M: Ja, das denke ich.

A: Aber das liegt nicht nur in der Verantwortung von Deutschland. Das ist die Verantwortung aller europäischen Länder. Deutschland hat nicht die alleinige Verantwortung für alle Flüchtlinge. Großbritannien beispielsweise hat bisher geschlafen und hat nicht gehandelt. Wir erwarten mehr von ihnen, weil ihre Wirtschaft boomt und sie Macht haben. Alle europäischen Länder wollen dich ablehnen. Wenn du das Land betrittst, haben sie keine Wahl, dann bekommst du Asyl, aber außer Deutschland heißt kein europäisches Land deine Leute willkommen. Deutschland hat den Syrern grünes Licht gegeben, sogar wenn sie Fingerabdrücke in anderen europäischen Ländern haben.

M: Moment mal, ich habe für jemanden in seiner Anhörung übersetzt und sie haben ihn gefragt, wo er Finderabdrücke abgegeben hat. Wenn man ihnen sagt, „die Ungarn haben meine Fingerabdrücke“, dann sagen sie dir: „Geh‘ nach Ungarn!“:

A: Das liegt an der Dublin-Verordnung.


Als Teil des Asylverfahrens wird geprüft, ob der Asylsuchende in ein anderes europäisches Land überstellt werden muss. Mit der sogenannten Dublin-III-Verordnung soll verhindert werden, dass in mehreren Ländern Europas ein Asylantrag gestellt wird. Deutschland ist nicht zuständig für das Asylverfahren, wenn der Asylsuchende bereits in einem anderen Land der EU (und Schweiz oder Norwegen) Asyl beantragt hat, dort von der Behörde registriert wurde, oder ein Visum für eines dieser Länder hat. Wenn die Zuständigkeit bei einem anderen Staat liegt, kann Deutschland ein Übernahmegesuch an diesen Staat richten. Stimmt er zu oder reagiert er nicht, geht die Zuständigkeit auf ihn über und der Asylsuchende bekommt einen Dublin-Bescheid. Der Asylantrag wird als unzulässig abgelehnt. Mehr Infos.


M: Ein weiterer Punkt ist, dass es schon früher viele Probleme gab. Wir hatten das Roma-Problem, das Kurden-Problem, das Armenier-Problem… drei Probleme existierten bereits vor dem Irak und vor Syrien. Aber bis jetzt gab man ihnen kein grünes Licht. Warum? Wenn nur Syrer hierher eingeladen werden, dann gibt es wohl einen politischen Plan für Syrer. Das ist kein normales „herzlich Willkommen“, das von Herzen kommt.

A: Aber ich spreche nicht von den politischen oder psychologischen Spielchen dahinter. Ich spreche von den unschuldigen und armen Menschen – Wie wir ihnen helfen und ihr Leben retten. Vielleicht ist das psychologisch oder politisch. Das weiß ich nicht. Aber wenn sie Opfer des Krieges sind, ist es die Verantwortung der zum derzeitigen Zeitpunkt friedlichen Länder sie zu retten. Das besagt die Flüchtlingskonvention von 1951.

M: Ich frage dich: Hast du gesehen, was in Frankreich passiert ist? Und was die Medien gesagt haben? Sie sagten, man hat drei Pässe gefunden – einen syrischen, einen ägyptischen und einen marokkanischen. Aber komm schon! Wenn man sich in die Luft sprengt – ich habe gesehen, wie eine Bombe explodiert – ein Freund von mir wurde in seinem Auto in die Luft gesprengt. Nach dieser Bombe konnten wir nur noch ein halbes Kilo seines Körpers von der Straße auflesen. Und jetzt will man mir sagen, der Pass wurde nicht zerstört? Da würde nichts mehr übrig bleiben. Ich bin nicht dumm. Die Medien sprachen außerdem nicht über Ägypten und über Marokko, nur über Syrien und den IS dort. Und: „Der Flüchtling ist gefährlich“. Meine Botschaft ist, dass ein Pass ein Bombenattentat nicht übersteht. Also vielleicht ist es der Pass von jemand anders, einem Flüchtling, der die Grenze zu England überqueren will. Aber die Medien sagten nicht, dass es auch der Pass einer anderen Person sein könnte.

A: Ich unterstütze das Argument, dass Europa seine Grenzen sichern sollte. Viele behaupten nur, Flüchtlinge zu sein…

M: Hast du etwa Angst?

A: Ich habe keine Angst. Ich spreche von der Willkommenskultur in Deutschland.

M: Ja, das ist eine schöne Idee, aber es wäre schöner, wenn sie auf andere Weise umgesetzt werden würde. Das gleiche Geld, die gleiche Bereitschaft, aber man kann andere Dinge damit machen. Wie in Afrika. Alle Afrikaner wollen hierher kommen. Aber wenn man die Situation in Afrika verbessern würde, würden sie dort bleiben.

A: Die Situation in Afrika liegt nicht im Geld begründet. Afrika ist ein sehr reicher Kontinent voller Rohstoffe. Das Problem sind die Regierungsstrukturen. Viele Leute sagen, dass die aktuellen Strukturen ihre Ursachen im Westen haben, aber das stimmt nicht. Die afrikanischen Führer sind sehr egoistisch, um ehrlich zu sein. Wenn man sich beispielsweise Nigeria anschaut: Das Land ist der siebtgrößte Öllieferant der Welt. Es generiert eine Menge Einkommen, aber viele Menschen leben trotzdem in Armut wegen der Verwaltung der Regierung. Das ist das Problem in Afrika. Auf der anderen Seite versucht Europa, Afrika zu helfen, indem Millionen von Euros investiert werden, aber die afrikanischen Länder sind trotzdem nicht stabil. Afrika ist eine andere Geschichte.

M: Früher sind alle Leute nach Amerika gegangen. Heute beginnt es in Deutschland. In Zukunft werden sie in ein anderes Land ziehen. Das ist wie bei Tieren.

A: Migration hat immer seine eigenen Dynamiken. Menschen haben nun mal die Fähigkeit, zu migrieren, genau wie Tiere. Migration ist dynamisch. Menschen migrieren nicht nur aus politischen Gründen. Es gibt viele Gründe. Migration wird nie aufhören.

I: Denkt ihr, es gibt einen Unterschied zwischen der Regierung in Deutschland und den Bürgerinnen und Bürgern in Deutschland? Von wem fühlt ihr euch willkommen geheißen?

M: Auf jeden Fall von den Menschen. Sie drängten die Regierung dazu, aber diese findet es eigentlich nicht gut. Dies ist allerdings ein demokratisches Land.

A: Manche Menschen in Ostdeutschland sind gegen Migranten. Sie demonstrieren gegen Flüchtlinge. Aber die Regierung versucht, sie zu stoppen. Es kommt also nicht nur von den Leuten. Die Regierung hat ihre eigene Rolle in der Flüchtlingshilfe.

M: Ich würde mich freuen, wenn das wahr wäre. Als ich in Ägypten war, vor der Zeit des neuen Präsidenten as-Sisi, regierte dort ein anderer Islambruder und er sagte „Willkommen“ zu syrischen Flüchtlingen. Er sagte: „Mir sind die Regeln egal“. Dann kam ein neuer Präsident an die Macht und was passierte? Er drängte alle Syrer aus dem Land. In Europa wird das gleiche passieren.

A: Aber wenn dein Land stabil ist, kannst du zurückgehen – Wo ist das Problem?

M: Das ist ein großes Problem, weil du nicht einfach in dein Land zurückgehen kannst, wenn du hier ein Leben begonnen hast. Es wird nie so sicher sein wie Deutschland. Die Polizei, die Straßen, die Häuser – du bist in einer anderen Welt. Ich meine, wenn du zurückgehst, hast du viele Probleme in deinem Land. Wie kommst du an Geld? Wo ist dein Zuhause? Du musst von vorne beginnen. Aber das kann man nicht. Und denkst du, die Situation wird wirklich sicher sein, wenn sie anfangen, die Leute zurückzuschicken? Die Medien sagen, „das ist ein sicherer Ort – ihr habt eine neue Regierung, ihr habt Polizei, ihr habt eine Armee“. Und ich rede noch nicht einmal über die S-Bahn oder die Busse. Hier kann ich in einer halben Stunde bei dir sein. In deinem Land kannst du zwei oder drei Stunden warten, bis überhaupt ein Bus kommt.

A: Du hast recht, aber ich sage dir: Die Konvention von 1951 besagt, dass ein Flüchtling, der ein Land erreicht, das sicher für ihn ist, dort bleiben kann bis sein Land wieder stabil ist. Das ist die Regel, das ist die Flüchtlingskonvention. Nicht das ganze Leben. Aber du hast die Möglichkeit, dich auf eine Staatsbürgerschaft zu bewerben, dauerhafte Einbürgerung, so etwas. Sie können nicht dein ganzes Leben für dich finanzieren. Außerdem kann es sein, dass in Zukunft ein anderes Land Schwierigkeiten hat und wenn dein Land stabil ist, sollte dort auch Platz für Flüchtlinge sein.

M: Das mag sein, aber es macht die Leute verrückt.

A: Davon abgesehen ist es unwahrscheinlich, dass das passiert, weil alles von den Bevölkerungsdynamiken im Land abhängt. Zum Beispiel wird die Bevölkerung in Deutschland schrumpfen. Deshalb musst du dir keine Sorgen um deine Zukunft machen. Die Deutschen haben einen Plan für dich – den Plan, zu arbeiten, sich zu integrieren – einen Plan für deine Zukunft. Sie versuchen, die Leute in Relation zu ihrer Bevölkerungsdichte aufzunehmen. Wieso akzeptiert Großbritannien nicht mehr Flüchtlinge? Weil sie erwarten, dass ihre Bevölkerung in den nächsten fünf Jahren wachsen wird. Darum sorg‘ dich nicht um deine Zukunft. Wenn du möchtest, wirst du vielleicht zurückgehen, aber gegen deinen Willen ist es unwahrscheinlich. Die Menschen vom Balkan, die in den 1990ern kamen, sind immer noch in Deutschland.

M: Wenn du hier studierst und eine gute Arbeit hast und du 2000 Euro im Monat verdienst, dann musst du nicht zurück, weil du kein Geld vom Staat brauchst, aber wenn du Geld vom Jobcenter bekommst, musst zu gehen.

A: Ja, aber du musst eben unabhängig sein. So ist das Leben.

M: Wenn du dich in eine deutsche Frau verliebst, kannst du bleiben. Das ist eine Scheiß-Regel. Denn wenn du älter bist als 64 oder du nicht arbeiten kannst oder nicht genug arbeitest, dann musst du zurückgehen. Wenn ich hier studieren kann, werden sie mich vielleicht nicht zurückschicken, aber meine Familie schon. Das ist ein Problem für meinen Bruder. Er ist drei Jahre alt und er vergisst bereits die arabische Sprache und wenn er zurückmuss, kann er weder studieren noch arbeiten. Er kann kein arabisches Leben in Syrien beginnen. Und deshalb sage ich: Gib‘ das Geld den Leuten dort, wo sie leben, in ihrer Kultur.

A: Aber die Menschen fliehen von Krieg. Wenn der Krieg nicht gestoppt werden kann, was tust du? Du bringst sie an einen sicheren Ort.

Die Gesprächspartner möchten anonym bleiben.

Interview: Anna // Bild: Inga