Meine Fluchtgeschichte

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Am Morgen des 27. März 1999, ich war damals gerade fünf Jahre alt, war mir nicht richtig bewusst, warum jeder um mich herum so bleich im Gesicht war und warum mein Vater mir sagte, dass wir nicht wie üblich in die Stadt gehen konnten. An diesem Morgen war die ganze Familie früh wach und bereitete sich auf das Eid-Fest vor, ein Fest, welches immer Freude in unser Zuhause brachte. Aber an diesem Morgen war etwas nicht richtig, und das fühlte ich. Mein Onkel erschien in der Tür, rennend und schreiend, wir sollten von hier so schnell wie möglich verschwinden. Jedem war das Ultimatum gestellt worden, dass wir, sollten wir unsere Häuser nicht bis 7 Uhr abends verlassen, wir getötet werden würden. Es war Krieg, und es war genau drei Tage nachdem wir die ersten ausländischen Flugzeuge gehört hatten, wie sie Bomben auf unser Nachbarland abwarfen. Jeder startete, panisch so viel Kleidung wie möglich zusammenzuraffen, um so schnell wie möglich herauszukommen. Ich erinnere mich, dass, als wir die Straße herunterliefen, ich eine Frau sah, über die meine Mutter sagte, dass sie eines Tages meine Lehrerin sein würde. Abgesehen von ihr waren dort viele Leute, die aufgeregt herum rannten ohne genau zu wissen, was ihr genaues Ziel sein würde. Ich erinnere mich, dass wir in dieser Nacht zu der Familie meiner Mutter gingen, die in einem Dorf nahe der Berge an der Grenze zu Montenegro wohnte. In diesem Haus waren andere Familien, die hier ein Obdach suchten, insgesamt mehr als sechzig Personen. Es mangelte an Platz, etwa acht bis zehn Leute schliefen in einem Raum, während in dem größten Raum des Hauses mehr als dreißig Leute versuchten, etwas Schlaf zu finden. Zwei meiner Onkel und ein weiterer junger Mann, der auch dort unterkam, waren in der Befreiungsarmee für den Kosovo. Jeden Tag würden sie nachhause zurückkehren, um uns von den Gräueltaten aus den Nachbardörfern zu berichten. Mit jedem Moment wurde es gefährlicher für uns, dort zu bleiben. So mussten wir nach zwei weiterziehen, nahmen unsere Sachen und folgten der neuen, rettenden Straße. Wir fanden Zuflucht in einem improvisierten Lager in den Bergen. Dort waren Hunderte von anderen Menschen, die nach Angriffen aus ihrem Zuhause hatten fliehen müssen, genau wie wir. Nach zwei Tagen dort mussten wir erneut aufbrechen, weil wir gehört hatten, dass die Armee des Feindes näher an diese Gegend gekommen war und jedes Haus niederbrannte und jeden vorbeilaufenden Mann erschoss. Wir konnten nicht alle unsere Sachen greifen, wir mussten so schnell wie wir konnten aufbrechen, nur mit unserer Kleidung  und etwas Essen für den Weg bepackt. Zwei Stunden nach unserem Aufbruch, wir hatten gerade einen Hügel erreicht, sahen wir Feuer in dem Lager, in dem wir uns kurz zuvor noch aufgehalten hatten. Dies war ein Zeichen, schnelleren Schrittes zu gehen – ganz unabhängig davon, wie viel Kraft wir noch hatten. Als die Nacht einbrach, mussten wir Halt machen und die Nacht in einem Holzhaus verbringen, welches nicht genug Schlafplatz für alle bot. Ich erinnere mich, dass meine Mutter und mein Vater so gerade noch ein Bett für mich und meine Schwester fanden und dann die Nacht draußen im Schnee verbringen mussten – in dem Versuch, ein Feuer zu entfachen, um sich bis zum Morgen an diesem etwas aufzuwärmen. Ich erinnere mich auch, dass ich einen meiner Handschuhe verloren hatte und diesem die ganze Nacht nachtrauerte. Am Morgen brachen wir wieder auf auf den Weg, der kein Ende nehmen wollte. Überall war Schnee, es war Winter und so war es sehr kalt und das Licht was so kräftig und verblendete die Sicht auf die endlose Schlange an Menschen voller Hoffen. Viele Leute überlebten die Kälte nicht und verhungerten und wir ließen die Leblosen in den Bergen zurück. Ich hörte viel Geschrei und Gejammer von den Menschen, die soeben ihre Hoffnung verloren hatten. Da war so viele Hügel und ich fragte meinen Vater immer wieder, wie viele noch übrig seien und er sagte immer wieder zu mir: nur noch einer (wobei dort noch zehn von ihnen vor uns lagen). Nach zwei Tagen der Wanderung erreichten wir eine Landstraße, wo uns ein Lastwagen aufnahm und in ein Flüchtlingslager in Rozhaja in Montenegro brachte. Es waren zwei oder drei Zelte aufgestellt worden, während dort Hunderte untergebracht waren. Nach drei Tagen Aufenthalt nahmen wir den Bus nach Ulqin. Dort angekommen, bekamen wir ein Zimmer, in dem wir alle elf essen und schlafen würden. In diesem Zimmer verbrachten wir einen Monat bis wir in ein Flüchtlingslager geschickt wurden, in dem sich Tausende unser Landsleute befanden. Dort gab es viele Zelte und Essen und Kleidung wurde uns für uns bereit gehalten. Viele der Menschen dort hatten Familienmitglieder verloren, einige waren selbst verletzt.

Ich erinnere mich, dass ich meinen sechsten Geburtstag in diesem Lager feierte und einen kleinen Teddybär als Geschenk erhielt. Eine improvisierte Schule wurde dort auch aufgebaut. Als ich vier war, noch bevor ich überhaupt in den Kindergarten gehen konnte, konnte ich lesen und schreiben. Aber das erste Mal, als ich es dort war, war alles weg.

„Ich wuchs in Frieden auf, um den Krieg zu hassen, und ich arbeite hart, damit kein Kind in der Welt meine Geschichte durchleben muss, und ich weiß, dass einige Schlimmeres durchlebten.“

Etwas mehr als drei Monate, nachdem wir unser Zuhause verlassen hatten, gingen wir zurück. Es war einer der glücklichsten Tage in meinem Leben. Der Moment, als wir die Tür öffneten, war gleichzeitig so emotional und so traurig. Nichts sah mehr so aus wie zuvor, sogar das Gras sah weniger grün aus, als ich es in Erinnerung hatte vom letzten Sommer. Aber wir waren zuhause, dort, wo ich oft dachte, nie wieder hin zurückzukehren. Wir bauten alles wieder von Anfang an auf und ich begann im September mit der Schule. Ich lachte innerlich, als ich die Frau im Klassenzimmer sah. Es die Eine, die meine Mutter und ich an diesem Tag neben uns hatten rennen sehen. Ich lernte wieder zu lesen und zu schreiben und startete so, alle meine Gefühle auf ein Blatt Papier zu bringen. Ich lernte, dass nicht allen Gleichaltrigen mein Schicksal vergönnt war, einige hatten es nicht geschafft. Nicht jeder baute alles neu auf, wie wir es taten. Aber ich lernte, dankbar zu sein über das Wissen, dass kein menschliches Wesen das verdient, was ich erlebt hatte. Ich wuchs in Frieden auf, um den Krieg zu hassen, und ich arbeite hart, damit kein Kind in der Welt meine Geschichte durchleben muss, und ich weiß, dass einige Schlimmeres durchlebten.

Meine Verantwortung, deine Verantwortung, unsere Verantwortung ist es, das für jeden zu ermöglichen, wenn wir es nicht stoppen können, friedlich in der Welt voller Kriege und Schrecken zu leben.

Text: Krenare // Bild: Inga